Aufbruch in der Biedermeierzeit: Die Fachzeitung fü r die "Männer vom Fache" wird gegründet

Aufbruch in der Biedermeierzeit: Die Fachzeitung
f=FCr die "M=E4nner vom Fache" wird gegr=FCndet
Als sich Leute daran machten, im Jahre 1836 die All-
gemeine Bauzeitung herauszugeben, wollte man ein
Informationsblatt, das zur "Baukunst auch im entfern-
testen Sinne Bezug hat". (1) Es sollte m=F6glichst viele
erreichen. Das dr=FCckte man mit diesem Satz aus:
"Uebrigens wird es bei dieser Zeitschrift Grundsatz
sein, die Texte so popul=E4r als m=F6glich zu halten, um
so auch dem Werkmanne verst=E4ndlich zu werden."
(2)
Der Arbeitsansatz ist so gehalten, da=DF man dem
"man" vom Fach und damit 'jeder und jedem', die
am Fachgebiet Bauwesen Interesse haben, Infor-
mationen bieten will. Die Frauen sind darin einge-
schlossen, aber nicht durch ein Feminin angef=FChrt.
Die Baukunst ist feminin, also ein Gegen=FCber und
vice versa. Zugleich wird dadurch ein Unverm=F6gen
der Sprache deutlich, kein Unterdr=FCckungsverh=E4ltnis
im Gegen=FCber der Geschlechter. Der Text spiegelt
die damalige Arbeitsteilung wider. Den M=E4nnern wa-
ren genauso Berufe verwehrt wie den Frauen. Wie
solche sozialen Vereinbarungen sich organisieren,
ist schwierig zu wissen, da die Aufteilungsbestre-
bungen der Arbeitsverh=E4ltnisse gegeneinander wirk-
sam gemacht werden und sich daraus Vereinba-
rungen ergeben, die auch ein hierarchisches Wer-
teverhalten beinhalten.
Auf der Titelseite der Ausgaben steht unter der Zeile
"Allgemeine Bauzeitung", an wen sie sich richtet.
Beachten wir die Worte in ihrer Reihenfolge und He-
rausstellung. Sie ist gerichtet an:
"Architekten, Ingenieurs, Dekorateurs, Bauprofessio-
nisten, Oekonomen, Baunternehmer, und Alle" (3)
Es sind dies alles Leute,
"die an den Fortschritten und Leistungen der neu-
esten Zeit in der Baukunst und den dahin einschla-
genden F=E4chern Antheil nehmen" (4).
Diese Reihenfolge nennt zuerst Architekten, Ingeni-
eure und Innenausstatter. Das sind die Leute, die
Geb=E4ude entwerfen, ihre Standsicherheit durchden-
ken und ihr Inneres ausstatten. Das Wort "Antheil
nehmen" ist sehr interessant im Text eingesetzt.
Das konnte 'jede und jeder', tat aber nicht 'jede
und jeder'.
Es ist also anzunehmen, dies ist die eigentliche
Zielgruppe, die den Anla=DF zur Gr=FCndung der Fach-
zeitschrift gab, die Ludwig F=F6rster in Wien heraus-
gab. Erst eine Auswertung der Themen, die jede
Ausgabe bringt, sagt etwas dazu aus, welche
Schwerpunkte wirklich gesetzt wurden. Die Seiten-
zahl einer jeden Ausgabe war relativ gering, die
Fachzeitschrift erschien jedoch in rascher Folge.
Man mu=DF das mit der Zeit auswerten.
Die "Bauprofessionisten, Oekonomen und Bau-
unternehmer" sind jedoch keine minder interessan-
te Fachgruppe, da sich die Textbeitr=E4ge, die aus
und f=FCr diesen Personenkreis zustande kommen,
f=FCr die Architekten, Ingenieure und Innenausstat-
ter ganz besonders interessant gewesen sein
d=FCrften. Denn es sind ja die Leute, die den Bau in
der Finanzierung und Bauausf=FChrung genau durch-
denken m=FCssen. Die Strategie des Herausgebers
war also gut durchdacht, denn er brachte Leute zu-
sammen, die sich sonst eher vereinzelt ins Ge-
spr=E4ch bringen konnten. Es gab nat=FCrlich damals
schon Versammlungen der Berufsgruppen und
gro=DFe Kulturveranstaltungen. Hier warb man
sicherlich f=FCr den Aufbau dieser Fachzeitschrift.
Der "Plan der Bauzeitung" und die "Aufforderung
an M=E4nner vom Fache", die Allgemeine Bauzeitung
in Wien "durch Mittheilungen zu bereichern" nimmt
als Text die ersten beiden Seiten und einen kleinen
Teil der dritten Seite des 1.Heftes dieser Fachzeit-
schrift ein. Hier steht als Zusammenfassung die
Programmatik dieses ganzen Unternehmens, das
dazu angetan war, die Fachwelt im Deutschen
Bund f=FCr sich einzunehmen. Es w=E4re interessant
zu wissen, wer die Zeitung bezog und wie sich
der Leserstamm entwickelte und von woher die
Beitr=E4ge von selbst kamen und von wo sie speziell
angefordert wurden. Dieser Deutsche Bund wird
sp=E4ter durch die Reichsgr=FCndung ersetzt. Wien ge-
r=E4t dabei in Abseitslage, wird aber nicht uninter-
essanter im deutschsprachigen Kulturraum. Die
Allgemeine Bauzeitung erh=E4lt jedoch durch die
Gr=FCndung einer Fachzeitschrift, die in Berlin he-
rausgegeben wird, in den 1860er Jahren Konkur-
renz. Doch bleiben wir bei der Allgemeinen Bau-
zeitung, ein Solit=E4r ihrer Zeit. Die Programmatik
in ihrer 1.Ausgabe sagt viel aus. Legen wir den
Text auseinander:
"Den Hauptgegenstand sollen ausmachen: bild-
liche und beschreibende Darstellungen merkw=FCr-
diger, erst im Laufe der neuesten Zeit vollendeter
Bauwerke, vorz=FCglich von Deutschland, Italien,
Frankreich, England, Ru=DFland, Griechenland und
solchen Gegenden, woher die Mittheilungen m=F6g-
lich werden" (5)
Man denkt also bereits =FCber den deutschsprachi-
gen Kulturraum, der im Deutschen Bund zusam-
mengeschlossen war, hinaus und will den Fokus
auf die Entwicklung in den genannten L=E4nder legen,
hofft aber darauf, auch zum Bauwesen ganz an-
derer L=E4nder Informationen einziehen zu k=F6nnen.
Es geht in der Berichterstattung um solche "Darstel-
lungen", die "sich auf Zweck, Errichtung und Styl
der Geb=E4ude" beziehen, "und besonders auf Wer-
ke der sch=F6nen Baukunst, wie Monumente, Staats-
und =F6ffentliche Geb=E4ude, Stadt- und Landh=E4user,
Gartengeb=E4ude, Dekorazionen, Hausger=E4the und
Alles, was mit gutem Geschmacke ausgef=FChrt ist".
(6)
Genauso will diese Fachzeitschrift "Mittheilungen
wichtiger Erfahrungen an /.../ Werken des Civil-,
Br=FCcken-, Wasser- und Stra=DFenbaues" abdrucken.
Dazu ist daran gedacht, "Beschreibungen interes-
santer Werkst=E4tten zur Erzeugung von Bauverzie-
rungen und Materialien, als: Ziegeleien, T=F6pfereien,
Eisengie=DFereien usw." wiederzugeben, die um "Be-
schreibungen von Fabriks- und Oekonomie-Geb=E4u-
den, soweit sie von den Baumeistern gekannt sein
m=FCssen" zu erg=E4nzen sind. Man will auch =FCber
die Aufstellung von Maschinen informieren, da ei-
ne dynamische neue Zeit der Produktion eingesetzt
hatte, und =FCber die Maschinen selbst informieren.
Alles das, was Relevanz zum Bauwesen hat,
interessierte die Redaktion, also Arch=E4ologie,
der Fachbuchmarkt, die Gartenkunst und die
"Landesversch=F6nerung", das "Gewerbswesen"
und die =D6konomie. Darstellungen zur Geschichte
der Baukunst sollten Raum bekommen. Durch
Rezensionen der Fachliteratur war auch Platz vor-
sehen, um die neueren Ver=F6ffentlichungen zum
Bauwesen einer kritischen W=FCrdigung auszu-
setzen. (7)
Einen wichtigen Platze sollte die Architekturkritik
bekommen, damit Geschmacklosigkeiten zur=FCck-
gedr=E4ngt werden konnten. Hier interessiert nat=FCr-
lich heute, =FCber 170 Jahre nach der Gr=FCndung der
Fachzeitschrift, das Wertesystem der unterschied-
lichen Autoren solcher Architekturkritik.
Damals gelang es auch schon, Architekturzeich-
nungen in beeindruckender Qualit=E4t zu drucken,
soda=DF es m=F6glich war, den schriftlichen Erkl=E4-
rungen von Bauten, gute Abbildungen beizugeben,
die sp=E4ter, als das m=F6glich wurde, um Fotos er-
g=E4nzt wurden. Man m=FC=DFte die Zeit haben, sich
mit der Entwicklung der Drucktechnik zu besch=E4f-
tigen, um den Werdegang dieser Fachzeitschrift
besser zu verstehen. Man verfolgte von Anfang an
einen hohen Anspruch:
"Dekorazionen sollen, wo es n=F6thig ist, auch in
Farben-Druck oder koloriert gegeben werden." (8)
Nicht zuletzt sah man sich schon am Aufbau ei-
nes Archives f=FCr das Bauwerkes beteiligt, das
durch dieses Unternehmen der Fachzeitung zu-
gleich entstehen wird:
"W=E4hrend nun diese Zeitschrift in ihrem Fortbe-
stande ein Archiv f=FCr die besten und neuesten
Bauwerke, und f=FCr die Mitarbeiter ein Mittel-
punkt des Austausches der Ideen und Erfahrun-
gen werden wird, soll auch Jedermann Nutzen und
Unterhaltung daraus ziehen k=F6nnen." (9)
Dieser Satz verzweigt das, was die Fachzeitung
ausl=F6sen kann und wird, in interessante Richtun-
gen. F=FCr mich selbst von gro=DFem Interesse ist
nat=FCrlich der Hinweis auf das Archiv, das mitent-
standen ist, denn es fragt sich, wo dieses Material
bewahrt ist oder ob es unterging. Bislang ist mir
nur bekannt, da=DF Ausgaben der Allgemeinen Bau-
zeitung bis 1918 vorhanden sind. In diesem Jahr
war die Monarchie in =D6sterreich zusammenge-
brochen und ein neues Zeitalter begann nach dem
Ersten Weltkrieg f=FCr das =FCbriggebliebene Kerngebiet
dieses Staates. Spannend zu lesen ist sicherlich
die umfangreiche Korrespondenz der Redaktion
und das, was alles bei ihr einging. Denn das d=FCrfte
an Umfang sehr viel mehr ausgemacht haben, als
das, was zum Druck kam. Somit m=FC=DFte dieses
Archivmaterial die Zeit wesentlich besser beleuch-
ten als das, was reduziert in dieser Fachzeitschrift
selbst zu finden ist. Aber man mu=DF sich zun=E4chst
begn=FCgen und erst einmal lesen, was in dieser
gedructen Fachzeitung selbst aufzufinden ist.
Die Redaktion rief damals die Leser und potentiellen
Autoren dazu auf, Kritik und neue Beitr=E4ge einfach
an die Adresse "Ludwig F=F6rster in Wien" (10) zu
schicken. Das strotzte vor Selbstbewu=DFtsein. Das
Postamt war wohl informiert, denn die Briefe werden
angekommen sei. Diese Fachzeitschrift hatte an-
fangs acht Seiten. Man wird also einen gro=DFen
Bogen Papier beidseitig so bedruckt haben, da=DF
durch Faltung des Bogens und Beschnitt diese
interessante Zeitung zustande kam. Um sie zu
erweitern, d=FCrfte man darauf gesehen haben,
zwei B=F6gen beidseitig zu bedrucken, um sie an-
schlie=DFend, gefaltet und beschnitten, zum
dickeren Zeitungsheft zusammen zu legen. Ein
spannendes Unternehmen, da=DF die Fachwelt voran-
brachte und viel Fortschritt im Bauwesen erzeugte.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
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Diskussion gestellt. Der Autor ist =FCber folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen:
(1) siehe: Hg.: Plan der Bauzeitung und Aufforderung
an M=E4nner vom Fache, dieselbe durch Mittheilungen
zu bereichern. S.1-3 in: Allgemeine Bauzeitung.
Wien, 1836. 1.Heft, S.1
(2) zitiert aus, Hg., wie vor, S.1
(3)-(4) Zusatz der Titelzeile zitiert von der: Allge-
meine Bauzeitung, wie vor, S.1
(5) zitiert aus: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie vor,
S.1
(6)-(7) siehe: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie vor,
S.1
(8)-(9) zitiert aus: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie
vor, S.2
(10) siehe: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie vor,
S.3
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Karl-Ludwig Diehl
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