Baugeschichtliche Forschungen in der Biedermeierzeit : die Engländer wollen wissen, wer den Béton erfand

Baugeschichtliche Forschungen in der Biedermeierzeit:
die Engl=E4nder wollen wissen, wer den B=E9ton erfand
Die Notiz aus dem Jahre 1839 kann sehr schnell =FCber-
sehen werden, so klein ist sie im Kontext der Fachauf-
s=E4tze. Es geht darin um eine baugeschichtliche For-
schung in England. Als Arbeitsgegenstand wird genannt:
"Der jetzt so sehr in Aufnahme gekommene Konkret oder
B=E9ton, dessen h=F6chst vortheilhafte Anwendung zu Funda-
mentierungen und =E4hnlichen Arbeiten ihm eine hohe Stel-
le unter den Baumaterialien gesichert hat, ist in England
in neuester Zeit ein Gegenstand gro=DFer Debatten gewor-
den, indem man ermitteln will, welcher Ingenieur in unse-
rem Zeitalter die erste Anwendung davon gemacht habe."
(1)
Es wurde also in England nach dem Ingenieur gesucht,
der ihn zuerst verwendete. Diese Frage zu beantworten,
war also bereits in der Biedermeierzeit nicht mehr so
einfach. Pasley hatte das Thema in seinem Buch =FCber
Kalk und M=F6rtel in den Text eingeflochten.
"Der Obrist Pasley, in seinem Werke =FCber Kalk und M=F6r-
tel, welches jetzt in England Epoche macht, hat diese
Ehre f=FCr den Architekten Sir Robert Smirke in Anspruch
genommen, w=E4hrend George Godwin Hrn.Ralph Walker
als den ersten Verwender nennt." (2)
Dieses Buch von Pasley d=FCrfte nicht nur wegen dieser
Suche nach dem ersten Anwender des B=E9tons in Eng-
land wichtig sein, sondern da es so herausgehoben
wird, weil es damals in England Epoche gemacht haben
soll, wird es zum Thema M=F6rtel, Gu=DFm=F6rtel und Binde-
mittel gut auswertbar sein. Es wird den damaligen Stand
des Wissens recht stimmig widerspiegeln m=FCssen.
Neben Obrist Pasley gab es also George Godwin, der
meinte, er habe den ersten Anwender "des Konkretes"
gefunden. Nun wird in der Notiz von 1839 ausgesagt:
"Faktisch ist es, da=DF Mr.Macintosh, der Bauunterneh-
mer f=FCr die East-India-Docks, im Jahre 1800, als man
bei der Fundamentirung einen Baugrund fand, welcher
aus Schlamm, mit hier und da untermischtem Sande
und Kies, bestand, und eine h=F6chst ungleichartige Tra-
gef=E4higkeit besa=DF, nach Angabe des Ingenieurs Ralph
Walker mit dem besten Erfolge den Konkret anwenden
lie=DF." (3)
Parallel damit wurden Fundamentgr=E4ben f=FCr Mauern mit
nassem Sand und Kies gef=FCllt, ohne jedoch Kalk bei-
zugeben. Bei den Docks war also Kalk als Bindemittel
dem Sand und Kies beigegeben worden. Diese Mi-
schung wurde als "Konkret" bezeichnet. Es wird ge-
meint, durch das Sch=FCtten dieser Mischung sei in Eng-
land mit dem B=E9tonbau begonnen worden.
Als in England das Costum-House errichtet wurde,
kam ebenfalls B=E9ton zum Einsatz:
"Was die Anwendung des Konkretes durch Sir Robert
Smirke betrifft, so fand dieselbe bei der Gr=FCndung der
Mauern des Costum-House Statt, und es scheint also,
als wenn sich die beiden genannten Herren ziemlich
gleichzeitig mit diesem wichtigen Gegenstande besch=E4f-
tigt h=E4tten, also beiden ein gleicher Antheil an der Ehre
der Wiedererweckung desselben geb=FChre." (4)
Demnach w=E4re der B=E9ton etwa gleichzeitig bei verschie-
denen Bauprojekten in England zur Anwendung gelangt.
Die Vorgehensweise erweckt den Anschein, als habe
man eine Mischung aus Sand, Kies und Kalk aus einer
Verlegenheit gew=E4hlt, weil man sich nur noch so erhoff-
te, ein brauchbares Ergebnis zu erzielen, ohne zu wis-
sen, ob es funktioniert. Man wird den Fragen nachgehen
m=FCssen. Wenn den Angaben Glauben geschenkt wer-
den darf, waren es also Ralph Walker und Robert Smirke,
welche nahezu gleichzeitig diesen Konkret ausprobier-
ten. Er wurde also beim Bau der Fundamente eingesetzt.
Der Notiz von 1839 ist weiterhin zu entnehmen, wie sich
ein Fundament auf Kies im Vergleich zu einer Fundamen-
tierung auf in Kreideboden eingerammten Pf=E4hlen verh=E4lt.
Leider ist nicht angegeben, wann das besprochene Bau-
vorhaben des "Hrn.Fauquet Lemaitre, Besitzer mehrerer
Baumwollmanufakturen zu Bolbec (Depart.Seine)", ausge-
f=FChrt wurde.
Ein Fabrikgeb=E4ude war niedergebrannt und mu=DFte neu
aufgebaut werden. Der Neuaubau war mit den bestehen-
den W=E4nden zu vereinen. Es war ein schwieriger Bau-
grund aufgefunden worden, der den Baumeister vor gros-
se Probleme stellte. Einerseits gab es Kreide, anderer-
seits Sandvorkommen im Baugrund, die mit Wasser ge-
f=FCllt waren. In den kreidigen Boden lie=DF der Baumeister
des Fabrikbesitzers Pf=E4hle einrammen und legte darauf
einen Holzrost f=FCr das Fundament. Auf dem nassen
Sand kam das Fundamentmauerwerk direkt zum Liegen.
Da in dem Geb=E4ude eine Dampfmaschine ihren Dienst
tat, traten erhebliche Belastungen auf, die mit der Zeit
dazu f=FChrten, da=DF offensichtlich das Wasser aus dem
nassen Sand, auf dem ein Teil des Geb=E4udes ruhte,
zu den eingerammten Pf=E4hlen wanderte und durch die
Vibrationen die Pf=E4hle im Gleitmittel Wasser und Kreide
zu gleiten begannen und einsanken. Es kam also zu
unguten Setzungen des Geb=E4udes. (5)
Das Beispiel ist wohl angef=FChrt, um darzulegen, da=DF
eine Gr=FCndung auf in Wasser stehendem Sand sehr
haltbar sein kann, wohingegen eingerammte Pf=E4hle
nicht die Gew=E4hr bieten, die der "Pilottirung" nachge-
sagt wurde. Man leitete davon wohl ab, da=DF es sinnvol-
ler sein mu=DF, Betonfundamentstreifen einzubringen. Dies
wird jedenfalls in einem Aufsatz zu einem Bauvorhaben
in Stra=DFburg ausgesagt:
"Als Fundament von Hochbauten hat sich der B=E9ton als
vorz=FCglich gegen die oft weit kostspieligern Pilottirungen
bew=E4hrt." (6)
Dazu schrieb ich selbst erst k=FCrzlich:
"Der Satz hat es in sich, denn er sagt, man habe sich das
Einrammen von Holzpf=E4hlen in das Erdreich sparen k=F6n-
nen, wenn B=E9tonfundamente gegossen wurden. Es wer-
fen sich sehr viele Fragen auf, denn das "Pilottiren", also
das Einrammen von Pf=E4hlen, auf denen dann das Grund-
mauerwerk auf einem Holzrost aufgebracht wurde, war
sehr verbreitet gewesen. Es sind Beispiele daf=FCr zu fin-
den, bei welchen Bauvorhaben B=E9tonfundamente zum
Einsatz kamen." (7)
Neben den B=E9tonfundamenten wird es wohl sehr rasch
auch eine erweiterte Verwendung des Konkretes oder
B=E9tons gegeben haben. Diese baugeschichtliche Ent-
wicklung im Bauwesen ist zu verfolgen. Denn die Ver-
mischung von Sand, Kies und Kalk als Bindemittel hatte
das Bauwesen erheblich ver=E4ndert. Es wird eine Ver-
suchsabfolge eingesetzt haben m=FCssen, wie sich der
B=E9ton optimieren lie=DF. Das wird zu Versuchen mit abge-
=E4nderten Mischungsverh=E4ltnissen gef=FChrt haben m=FCssen,
wobei sicherlich auch sehr unterschiedliche Bindemittel
ausprobiert wurden. Dem Werdegang des Betons, in den
sp=E4ter auch Bewehrungselemente eingelassen wurden,
ist nachzugehen. Die Fachliteratur der Biedermeierzeit
und die der Zeiten danach wird viel dazu hergeben m=FCs-
sen.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
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Diskussion gestellt. Der Autor ist =FCber folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen:
(1)-(4) zitiert aus: o.A.: Ueber den ersten Gebrauch des
Konkretes in England. S.114 in: Allgemeine Bauzeitung.
Wien, 1839.
(5) siehe: o.A., wie vor, S.114
(6) zitiert aus: o.A.: Anwendung des B=E9tons (Gu=DF-
m=F6rtels) am neuen Schleusenbau und bei andern Bau-
werken in Stra=DFburg. S.40 in: Allgemeine Bauzeitung.
Wien, 1837
(7) zitiert aus: Karl-Ludwig Diehl: B=E9ton, auch Gu=DFm=F6rtel
genannt, revolutioniert das Bauwesen des 19.Jahrhun-
derts. Als kurzer Aufsatz eingestellt am 24.Juni 2008 in
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zur Geschichte des Betons auch dazu die
Antworten vom 24. und 25.Juni 2008 in
von Harald Maedl, Uwe Hercksen, Joachim Pimiskern
und Frank Paulsen. Harald Maedl weist darauf hin, da=DF
das Wort B=E9ton bereits lange vor 1800 als Bezeichnung
f=FCr einen Gu=DFm=F6rtel verwendet wurde:
"Die bekannteste =DCberlieferung der Bezeichnung Beton
geht wohl auf den Mathematiker/Physiker Bernard de
B=E9lidor zur=FCck, der das Gemisch aus wasserbest=E4ndigem
(hydraulischem) Kalk, Zuschl=E4gen und Wasser 1753 in
seinem Werk ""Architecture hydraulique"" als B=E9ton
bezeichnete."
Reply to
Karl-Ludwig Diehl
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