Das Deutsche Gewölbemuseum recherchiert: eiserne Tr agröste über den Schaufenstern der Geschäfte im Paris der Biedermeierzeit

Das Deutsche Gewölbemuseum recherchiert: eiserne Tragröste über den Schaufenstern der Geschäfte im Paris der Biedermeierzeit

In der Biedermeierzeit bestand der sehnlichste Wunsch, genaueren Aufschluß darüber zu gewinnen, wie in ande- ren Ländern gebaut wurde. Es wurde bemängelt:
"Alle Lehrbücher, die wir bisher über die Detailkonstruk- zionen der Gebäude besitzen, beschreiben die Bauart irgend eines Landes oder einer Stadt; nirgends findet man aber eine Zusammenstellung der beachtenswerthen einzelnen Bestandtheile aller Länder, woraus die größe- re Zweckmäßigkeit der einen in Entgegenhaltung der an- dern Verbindungsweise, oder ihre gänzliche Verwerflich- keit, dargestellt wäre, obgleich nur solche Vergleiche ein gehöriges Studium der Baukunst begründen können, und vorzüglich der Architekt ohne diese Kenntnius nur lokalen Nutzen stiften, keineswegs aber mit Plänen kon- kurriren kann, die an fernen Orten, wo von der gebräuch- lichen Baukonstrukzion nicht abzuweichen ist, gebraucht werden sollen." (1)
Der Grund, warum die Redaktion der Allgemeinen Bau- zeitung eine genauere Erörterung regionaler Besonder- heiten des Bauens in anderen Ländern herbeiführen woll- te, lag offensichtlich darin, daß Architekten bei Einsätzen im Ausland für ihre Ausarbeitungen ein besseres Grund- lagenwissen benötigten. Andererseits ging es darum, der Fachzeitschrift mit fundierten Berichten über das Bauge- schehen im Ausland einen neuen attraktiven Schwerpunkt zu geben, der neue Abonnenten im Deutschen Bund si- cherte, aber zugleich sollte auch das Interesse in der Fachwelt anderssprachiger Länder wachgerufen werden, da über die Baukunst ihrer Länder veröffentlicht wurde und das wahrzunehmen war.
Paris hatte 1832 eine schwere Choleraepidemie erlebt und mußte schnellstens Maßnahmen treffen, damit in Zu- kunft eine solche Epidemie vermieden wird. Aber noch im Jahre 1838 galt Paris als eine "durch ihre ehemals sumpfige Lage und durch Anhäufung von Schmutz in den meisten Straßen" sehr ungesunde Stadt.
Neben vielen öffentlichen Bauarbeiten, die zu einem weit- verzweigten Netz von Abwasserkanälen und Wasserlei- tungen für öffentliche Brunnen führen sollten, hatte die Geschäftswelt der Stadt Paris damit begonnen, durch aufwendige Bauten das Aussehen der Straßenzüge an- sehnlicher zu machen.
"Die Verschönerung der großen öffentlichen Marktplätze führte auf die Verzierung der einzelnen Kaufläden, wel- che durch alle Hauptstraßen von Paris sich aneinander reihen und bisweilen mit einer Pracht ausgestattet sind, die in den Pallästen der Großen nicht höher getrieben werden kann." (2)
Um die Ansehnlichkeit der Kaufläden zu steigern, war man dazu übergegangen, "die ganze Wand" der Erdge- schosse "so viel als nur immer möglich im Lichten zu lassen, um die innere Pracht der Kaufläden, Kaffeehäu- ser u. nach außen sichtbar zu machen". (3)
Es erweckt den Anschein, als habe man anfangs "höl- zerne Röste", also Holztragwerke, über die großen Wandöffnungen für die Schaufenster gelegt. Daß man sie durch Eisenkonstruktionen ersetzte, könnte am Material Holz selbst gelegen haben:
"Die hölzernen Röste unterliegen gewissen Verhältnissen, die man nie außer Acht lassen darf; zu schwach biegen sie sich, zu stark werden sie durch ihr eigenes Gewicht nachtheilig, und nehmen einen zu großen Raum ein, so daß sie öfters einer angemessenen Dekorazion oder An- ordnung im Wege stehen; sie sind übrigens auch der Zerstörung durch Fäulniß wie durch Feuer unterworfen." (4)
Das Material Eisen biete da bessere Möglichkeiten:
"Durch zweckmäßige Verbindungen und gründliche Be- rechnung der Theile eiserner Tragröste kann man wirk- lich eine fast unberechenbare, ja man kann sagen, eine unendliche Summe von Widerstandskräften erhalten; und da sie alle oben erwähnten Nachtheile hölzerner Rö- ste nicht haben, so entsprechen sie auch allen Anforde- rungen, wenn ihre größern Erzeugungskosten nicht in Anschlag gebracht werden." (5)
Auf Korrosion durch Feuchtigkeitseinfluß und den Ver- lust der hohen Tragfähigkeit des Eisens bei Gebäude- bränden wurde nicht hingewiesen. Vermutlich bestand noch kaum Erfahrung damit, daß diese Schädigungen Gebäude gefährden konnten, oder man überging das einfach, um den neuen Baustoff im Bauwesen unge- stört aufkommen zu lassen, denn er bot in der Tat gros- se Vorteile. Dafür werden Beispiele aus Paris genannt:
"Herr Roussel hat einen eisernen Tragrost ausgeführt, welcher eine Mauer von 20 Metres Höhe trägt, deren Gewicht auf 66,200 Kilog. (ca.1200 Ztr.) geschätzt wird." (6)
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Paris_eisernes_Tragrost_1 (Blatt CLXI, Fig.1)
Ein Blick auf die Zeichnung macht sehr gut deutlich, wie dieses Tragwerk gehalten ist. Es wäre interessant zu wissen, ob es sich über dem Schaufenster des Kaufla- dens in Paris erhalten hat, und in welchem Zustand es sich heute befindet. Eine Beschreibung existiert. Der Ex- kurs ist etwas lang, da er aber sehr interessant ist, soll er vollständig zitiert werden. Man beachte die Einzelhei- ten:
"Dieser Rost ist 6 4/10 Metres lang, an zwei Orten durch je zwei Säulen von Gußeisen unterstützt, und an beiden Ende in Mauern verankert. /.../ Er besteht aus zwei star- ken, gekuppelten Rösten, wovon jeder eine Rost- schließe, drei Rostbögen und eine Tangentenschließe hat. Die Rostschließen sind an ihren Extremen mit ein- fachen und an den beiden, auf den Pfeilern liegenden Theilen mit doppelten Ansätzen versehen, um den Druck der drei kleinen Rostbögen aufzunehmen. Gerade ober den Pfeilern binden zwei große Bänder den ganzen Rost, der überdieß in der Mitte von jeder der drei Abtheilungen durch starke Bänder zusammengehalten ist. Von Strecke zu Strecke liegen Zwischenbänder, und zwar die einen über die Rost- die anderen über die Tangen- tenschließen, um das Einbiegen zu verhindern; und drei übers Kreuz gelegte Spangen, die in der Richtung der Schließen angebracht sind, halten die Röste aus ein- ander. Durch die Enden der Tangenten- und Rostschlies- sen sind senkrechte Bolzen gezogen, welche sie mit den Mauern verbinden. Die leeren Räume in diesem Tragroste sind mit Ziegeln und Gips ausgefüllt, gewöhn- lich geschieht dieß aber mit dergleichen Rösten mit hohlen Ziegeln oder vielmehr Töpfen." (7)
Zunächst ist zu bemerken, daß dieses eiserne Trag- werk als filigrane Konstruktion sowohl an den Enden in den Wänden und dazwischen auf gußeisernen Säu- len aufliegt. Außerdem wurde es mit vermörteltem Mau- erwerk ausgefüllt. Es ist anzunehmen, daß es auch ummantelt wurde, sodaß es später unsichtbar blieb, was dem Brandschutz sicherlich dienlich war. Diese Konstruktion erlaubte vergrößerte Schaufenster. Leider wird in dem Bericht der Wiener Fachzeitung das Gebäu- de selbst, in das dieser "eiserne Tragrost" eingebaut wurde, nicht zur Darstellung gebracht, sodaß wir kei- nen Eindruck von der gesamten Fassade und dem Bau- werk im Straßenbild haben. Auch wird der Ort nicht an- gegeben, wo dieses Tragwerk zum Einsatz kam. Man wird also nur darauf hoffen können, daß sich anderswo Veröffentlichungen finden. Desweiteren wäre zu über- denken, wo sich die Planungsunterlagen des erwähn- ten Planverfassers Roussel, der den eisernen Tragrost erfand, erhalten haben könnten. Da er für die Entwick- lung des Tragwerkbaus aus Eisen von Bedeutung sein wird, könnte dafür gesorgt sein, daß sich die Archiva- lien dieses Planungsbüros erhalten haben. Dem wird nachzugehen sein.
Zwei andere Eisentragwerke sind in dem Aufsatz vom Jahre 1837 zusätzlich erwähnt. Zunächst sei der von Leturc angeführt, der eine Wandöffnung von 6 m über- spannt:
"Ein anderer Tragrost /.../ wurde durch Herrn Leturc un- ter der Leitung des Architekten Herrn Callet ausgeführt, und besteht auch aus zwei gekuppelten Rösten, die sich aber dadurch von den vorher beschriebenen unter- scheiden, daß jeder nur einen Rostbogen hat, welcher die ganze Länge der Maueröffnung einnimmt. Die Röste sind wie im erst beschriebenen Beispiele zusammenge- stellt, und durch Kreuze /.../ verbunden. Nur einer der Röste ist an seinen beiden Enden mit Löchern versehen, durch welche Bolzen gezogen werden. Die zwischen den zwei Rösten befindlichen Räume sind mit Töpfen von ver- schiedener Größe ausgemauert. Dieser Tragrost, mit keinem viel geringern Gewicht als der vorige, vom Herrn Roussel, belastet, ist von bedeutender Kühnheit, denn er ist über eine Oeffnung von 6 Metres gelegt, ohne da- zwischen eine Stütze zu haben." (8)
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Paris_eisernes_Tragrost_2 (Blatt CLXI, Fig.2)
Während von Roussel ein eiserner Tragrost aus drei kleinen Bögen, die von den Auflagern an den Wänden zu zwei mittleren Gußeisenstützen geführt wurden, aus- gelegt wurde, wählte Leturc einen eisernen Tragrost mit einem großen Bogen, der über die Spannweite von 6 m reicht. Da dieses Tragwerk als ein eiserner Tragrost "von bedeutender Kühnheit" bezeichnet wird, darf man annehmen, ähnliche Spannweiten waren bis dahin bei Schaufensteröffnungen vermieden worden. Auch dieses eiserne Tragwerk wurde ausgemauert und sicherlich um- mantelt.
Das dritte Tragwerk, ein eiserner Tragrost von 5 m Spannweite für eine Wandöffnung im Erdgeschoß, wird deshalb in dem Aufsatz vom Jahre 1837 erwähnt, weil es sehr viel Mauerwerk über sich tragen muß:
"Fig.3 im Auf- und Grundriß stellt ein drittes Beispiel dar. Dieser Tragrost, von Herrn Casset nach Angabe des Herrn Bartaumieux verfertigt, hat sicher viel größeres Tragvermögen, als einer der vorher beschriebenen, ist aber mit einer Mauer von 104,430 Killog. belastet. Er mißt von Auf- zu Auflager 5 Metres, und ist auf gewöhn- liche Art konstruirt, wie aus der Zeichnung erhellet." (9)
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Paris_eisernes_Tragrost_3 (Blatt CLXI, Fig.3)
Man darf annehmen, daß auch dieser eiserne Rost von 5 m Spannweite über einer Mauerwerksöffnung im Erd- geschoß eines Kaufladens dazu diente, den Einbau großer Schaufenster zu ermöglichen. Auch dieses ei- serne Tragwerk wird man ausgemauert und ummantelt haben. Es dürfte interessant sein, die Begründungen zu lesen, warum diese eisernen Tragwerke verkleidet wurden. Wollte man das Aussehen des Gebäudes durch einen Anblick eines eisernen Tragrostes nicht stö- ren, oder war man sich der Notwendigkeit des Brand- schutzes bewußt? Da dazu im Aufsatz von 1837 keine Aussagen gemacht werden, bleibt zunächst nur die Möglichkeit Fragen zu stellen. Eine Klärung der Fragen ergibt sich nur nach Auswertung der Archivalien und aus Vergleichsbeispielen derselben Zeit in Paris, wo man zu solchen Bauvorgängen einen Aufschluß ge- wann. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß vor allem aus ästhetischen Gründen das eiserne Tragwerk über einem Schaufenster bei einem Geschäftshaus verborgen wurde, denn über mangelnde Feuersicherheit bei Pariser Bauten wird in dem Aufsatz an anderer Stelle (10) sehr geklagt. Nun muß sich das ja nicht auf die wesentlich moderneren Bauten mit großen Schaufenstern bezie- hen müssen, wenn deren "eiserne Tragröste" feuer- sicher ummantelt waren. Leider sagt der ausgewertete Text nichts dazu aus.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur und http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) zitiert aus: o.A.: Eigenthümliche Konstrukzionen an Gebäuden in Paris. S.311-313; S.321-322; S.334-336; S.337-341; S.345-347; S.353-360; Abbild. CLXI, CXLXII, CXLXIII in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1837. S.311 (2) zitiert aus: o.A.: Ueber einige öffentliche Markthallen und Boutiquen in Paris. S.25-27; Abbild.CLXXXIV in: All- gemeine Bauzeitung. Wien, 1838. S.25 (3) siehe genauer in: o.A.: Eigenthümliche Konstruk- zionen..., wie vor, S.321 (4)-(7) zitiert aus: o.A.: Eigenthümliche Konstrukzionen..., wie vor, S.321 (8) zitiert aus: o.A.: Eigenthümliche Konstrukzionen..., wie vor, S.321f. (9) zitiert aus: o.A.: Eigenthümliche Konstrukzionen..., wie vor, S.322 (10) siehe: o.A.: Eigenthümliche Konstrukzionen..., wie vor, S.311
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"Um das neue Foto-Album nutzen zu können, sind sog. Cookies erforderlich."
War wohl nix.
Gruß aus Bremen Ralf
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Wende Dich an web.de, ich habe darauf keinen Einfluß. K.L.
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Wer zwingt Dich, web.de zu benutzen?
Gruß aus Bremen Ralf
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Unterliege ich einem Zwang? Ich verstehe Dein Problem nicht. Soll ich jetzt wegen Deiner Cookies den Anbieter wechseln?
K.L.
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Der Wurm muß dem Fisch schmecken, nicht dem Angler, hm?
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Karl-Ludwig Diehl schrieb:

Da es nicht um Würmer, Fische und Angler geht, sondern um Tragwerke über Schaufenstern, die damals als weitgespannt und sehr tragfähig galten, sogar verortet ist, wo die Abbildungen entnommen wurden, kannst Du problemlos in der Allgemeinen Bauzeitung dieses angegebenen Jahrganges nachschlagen. Diese Fachzeitschrift ist online zugänglich. Ich kopiere mir diese Abbildungen, um mir die Aus- wertung zu erleichtern. Damit der Arbeitsgang anderen transparent bleibt, stelle ich es ins Netz.
Also: bitte nur zum Fachthema äußern. Gesucht wird nach weiteren Hinweisen, ab wann diese Tragwerke, die im kurzen Text geschildert werden, aufkamen und wie sie sich weiterentwickelt haben. Parallel- entwicklungen anderswo kennenzulernen, wäre auch hilfreich.
K.L.Diehl
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