Das Deutsche Gewölbemuseum wertet aus: der Holzgew ölbebau der Gotik

Das Deutsche Gewölbemuseum wertet aus: der Holzgewölbebau der Gotik
In der Epoche der Gotik entstanden Raumüberdeckungen
mit Holzgewölben "über Kirchen, Klostergebäuden, Gast- häusern, Ratssälen, in repräsentativen Schlossbauten, privaten Rückzugsräumen, in Taubenschlägen, Torein- fahrten und Scheunen". Karin Atzbach, die diese Aufzäh- lung schrieb (1), hat den Holzgewölbebau der Gotik unter- sucht. Sie meint:
"Gewölbe aus Holz sind seit dem Mittelalter ein häufig ge- bauter Raumabschluss, dem jedoch wenig Aufmerksam- keit geschenkt wurde, obwohl sie oft genauso spektaku- lär wie Steingewölbe sind." (2)
Der Satz wirkt so, in Eile gelesen, als sei der Holzgewöl- bebau erst in der Gotik aufgekommen, was aber ganz ge- wiß nicht der Fall ist, denn es handelt sich um eine Bau- technik, die seit dem Paläolithikum in immer neuen Va- rianten zum Einsatz kam. Allerdings läßt sich sagen, er habe in der Gotik in einer besonderen Ausprägung neben den Steingewölben einen bedeutenden Rang eingenom- men. Der Ursprung dieses gotischen Holzgewölbebaus wird in Frankreich vermutet, jedoch bestehen Datierungs- probleme:
"in Frankreich könnte durch dendrochronologische Unter- suchungen etwas mehr Licht in die Ursprünge der hölzer- nen Gewölbe gebracht werden." (3)
Der Arbeit von K.Atzbach ist eine Verbreitungskarte sowie eine Auflistung der Bauten beigegeben, die aufführt, wo sich bisher gotische Holzgewölbe nachweisen liessen. Die Menge dieser Bauten ist stattlich. Sie muß in der Go- tik wesentlich größer gewesen sein, denn in großer Zahl, so muß angenommen werden, verschwanden diese Bau- ten. Viele sind nicht mehr mit Sicherheit nachweisbar. Jedoch:
"viele Holzgewölbe harren noch der Entdeckung oder ge- naueren Bearbeitung." (4)
Es wird wohl so sein, daß es bisher kein Überblickswerk gibt, das den Holzgewölbebau in allen seinen Variatio- nen durch alle Epochen und über alle Erdteile hinweg ab- handelt. Wir wissen also ungeheuer wenig über ihn. K.Atz- bach, die den Verbreitungsraum gotischer Holzgewölbe durch Belege sichtbar gemacht hat, fand in dem einge- grenzten Gebiet, auf das sie den Fokus ihrer Forschung legte, also die Städte Utrecht, Gent und Brugge, ein Er- scheinungsbild der Holzgewölbe, das so aussah:
"Verallgemeinernd lässt sich für die Niederlande und Bel- gien zusammenfassen, dass die frühen Holzgewölbe im Querschnitt rundbogig, ab dem 14.Jahrhundert spitz und im späten 16.Jahrhundert wieder rundbogig gestaltet wur- den." (5)
Wenn man liest, es hätten sich bei Auswertung des Er- scheinungsbildes der gotischen Holzgewölbe 26 Bau- typen unterscheiden lassen, ahnt man etwas von der Vielfalt des Holzgewölbebaus nicht nur der Gotik, son- dern auch bei dem in anderen Zeit- und Kulturräumen.
Wenn danach gefragt wird, wieso der Holzgewölbebau in der Gotik aufkam, gerät man in tiefe Probleme. Die Gründe können nur indirekt erschlossen werden. Es wird vermutet, er habe sich als Alternative zum Stein- gewölbebau entwickelt.
"Die praktischen Erwägungen sind der Art, dass die schnellere Bauweise bevorzugt wurde, bessere Verzie- rungsmöglichkeiten wichtig waren, die Akustik für be- stimmte Zwecke vorteilhafter war, das Raumklima be- vorzugt wurde, der Materialaufwand, bzw. die Preiser- sparnis bei gleichzeitig großer Raumgröße den Aus- schlag gab, die Verfügbarkeit der Arbeiter vor Ort oder der Bauuntergrund eine Rolle spielten. Wobei es sich bei den Erbauern nicht um Schiffs- sondern Hausbauer handelte." (6)
Man kann, mit Fragen dazu, diesen einzelnen Gründen in der Dissertation von Karin Atzbach nachgehen und erhält reichlich Hinweise, mit denen sich weiterarbeiten läßt. Prägnant ist diese Aussage zu der Frage, warum sich ein Bauherr z.B. für eine Holztonne statt ein Stein- gewölbe entschied:
"Die Holztonne war /.../ eine billige Art, die hoheitliche Form eines Gewölbes zu bauen, ohne die Nachteile eines steinernen Raumabschlusses in Kauf nehmen zu müssen." (7)
Durch Holzgewölbe ging man also Problemen aus dem Weg, handelte sich aber gleichzeitig mit der Holzbau- weise neue Probleme ein. Durch Abwägung wurde ent- schieden, was trotzdem größere Vorteile bot, welche die Nachteile aufwogen. In einem Küstengebiet, das keinen festen Baugrund in leicht erreichbarer Tiefe hat, waren Leichtbaukonstruktionen, die der Holzgewölbe- bau bot, sicherlich von Vorteil. Andererseits ist es ver- wunderlich, daß sich der Schiffsbau aus Holz, der eine lange Tradition hat, nicht auf den Holzgewölbebau für Gebäude an Land ausgewirkt haben soll. Die Anforde- rungen an den Schiffsbau sind höher. Bisher gelang es nicht, für den gotischen Holzgewölbebau an Land eine Übernahme von Bautechniken aus dem Schiffsbau aus Holz nachzuweisen. Das verblüfft. Andererseits sind die umgekehrten Gewölbe der Schiffsbauer auch Holzgewöl- be und müßten genaugenommen auch als gotische Holz- gewölbe aufgeführt sein und bearbeitet werden. Beim Gewölbebau aus Stein gibt es die umgekehrten Gewöl- be. Sie dienen dazu, das Eindringen von Grundwasser in die Bauwerke zu verhindern. Wenn die Gebäude, die über solchen umgekehrten Gewölben, die unter dem Kellerfußboden liegen, zu leicht gebaut sind, kön- nen die Gebäude wie Schiffe durch das Wasser ange- hoben werden, wenn der Grundwasserspiegel steigt. Ich will sagen: Gewölbebau ist ein weites Feld. Er muß als Untersuchungsgegenstand noch besser durchdacht werden.
Man wird allen Fragen zum Holzgewölbebau genauer nachzugehen haben. Die Ausarbeitung zum gotischen Holzgewölbebau, die Karin Atzbach auf sich genom- men hatte, ist für einen Einstieg in das Thema von Vor- teil, weil sie zugleich die Verbreitung der gotischen Holzgewölbe in Europa aufzeigt. Auch hat sie sich daran gewagt, die Entwicklung des Holzgewölbebaus nach der Zeit der Gotik ins Bewußtsein zu heben. Die- ser Kontext stellt die Vorgänge in Utrecht, Gent und Brugge in ein besonderes Licht. Der Zustand, daß dem Holzgewölbebau bisher "wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde", könnte sich nach der Durcharbei- tung ihrer Dissertation rasch ändern, denn ihre Arbeit regt zu weiteren Forschungen an. Der scrpîvaz-Verlag hat ihre Dissertation als Buch im Jahre 2007 heraus- gegeben. Der Text wird von vielen Abbildungen goti- scher Gewölbe begleitet, die sowohl in Zeichnungen als auch in Fotografien anschaulich gemacht sind. Man erfährt viel zur Typologie der Holzgewölbe, die sie auffand. Darunter sind Rundtonnen- und Spitzge- wölbe, aber auch Kleeblatt- und Korbbogentonnen.
Da eingangs nicht in die Holzbauterminologie anhand von gebauten Beispielen des Gewölbebaus eingeführt wird, ist das Lesen des ersten Teils dieses Buches etwas schwierig, in dem sie die Holzgewölbe in Utrecht, Gent und Brugge alle anführt und genau be- schreibt. Wer diesen Teil der Arbeit überstanden hat, gerät dann in das spannendere Arbeitsfeld dieser Dissertation, in dem alle Aspekte dieses gotischen Holzbaus auseinandergelegt und diskutiert werden, was den gotischen Gewölbebau aus Holz nachvoll- ziehbar macht. Zugleich werden offene Fragen deut- licher, die der Bearbeitung harren.
Viel zu wenig gewußt wird über die Wohnungsbauten in der Zeit der Gotik, die solche Holzgewölbe ent- hielten. Da ein Wertgefüge gepflegt wurde, daß dem Sakralbau und anderen großartigen Bauten für die öffentliche Nutzung mehr Bedeutung zuwies, wurde auch mehr darauf geachtet, daß sie erhalten blieben. Dadurch blieben Holzgewölbe fast ausschließlich in Sakralbauten erhalten. In Kirchen, Kapellen, Klöstern, Kranken- und Siechenhäusern, sowie einzelnen Rat- häusern finden sich diese speziellen Gewölbe, an- derswo kaum noch. Man sieht daran zugleich, wel- chen Schaden hierarchisierte Wertgefüge im Bau- wesen bei dem Erhalt von Bauten anrichten. Die an Universitäten gepflegte Baugeschichte ist dafür be- kannt, daß sie an dieser unnützen Hierachie festhält und vorrangig nur ganz bestimmte Bauten bearbeiten will. Es wäre natürlich schade, wenn dadurch wei- tere Verluste an Holzgewölbebauten eintreten. Die Ausarbeitung von Karin Atzbach legt nahe, auf die ganze Bandbreite des Holzgewölbebaus zu achten. Sie erklärt auch, wie sehr unterschiedlich nach der Zeit der Gotik mit diesen historischen Bauten umgegan- gen wurde, was diese Forschungsarbeit abrundete.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur und http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) entnommen aus: Karin Atzbach: Gotische Gewölbe aus Holz in Utrecht, Gent und Brugge. Schöneiche, 2007. S.189. Siehe in: http://www.scripvaz.de (2) zitiert aus: K.Atzbach, wie vor, S.2 (3)-(4) zitiert aus: K.Atzbach, wie vor, S.191 (5)-(7) zitiert aus: K.Atzbach, wie vor, S.190
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