Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben im 19.Jahrhundert: Strassenbauwesen im lombardisch-veneziani schen Königreich der Österreicher

Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben im 19.Jahrhundert: Strassenbauwesen im lombardisch- venezianischen Königreich der Österreicher

In der Biedermeierzeit wurde in Österreich die Qualität der Straßen in der Lombardei und im Venezianischen sehr gelobt. Man war sich bewußt, daß auf diesem gu- ten Straßenbausystem der Wohlstand des nördlichen Italiens beruhen muß. Österreich befand sich im Besitz großer Gebiete des nördlichen Italiens. Man mußte die- se Gebiete verwalten und sehr genau kennenlernen, was verwaltet wurde:
"Die Straßen dieses Landes stehen auf jener Stufe der Vollkommenheit, daß sie füglich als Muster gelten kön- nen. Mak Adam hat hier das System seines Straßen- baues kennen gelernt, welches mit größerem Rechte das italienische als das makadamische genannt würde. Wer Gelegenheit gehabt hat, Ober-Italien kennen zu lernen, wird bald erfahren haben, daß durch die herrli- chen Strassenverbindungen - welche das Land tausend- fach durchkreuzen, und die Landeskultur auf jenen Gip- fel der Ausbildung bringen halfen, wo sie wirklich steht - der Wohlstand der Güterbesitzer wesentlich erhöht wurde, und daß die Ausgaben auf Straßenbau, zweck- mäßig verwendet, hohe Renten bringen." (1)
Die Österreicher studierten sehr eingehend diesen Straßenbau und gaben dann im Jahre 1833 eines von "Sr.k.k.Hoheit dem durchlauchtigsten Erzherzog Vize- könig" genehmigtes "Straßenbau-Reglement für die venzianischen Provinzen" heraus und brachten es in diesem Gebiet zur Anwendung. Man hatte dadurch ein bereits in Geltung gebrachtes Reglement für die Lom- bardei auf die venezianischen Gebiete ausgedehnt, sodaß im lombardisch-venezianischen Königreich da- mit ein einheitliches Regelwerk galt.
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Die Verwaltungseinheit war recht groß. Das Regelwerk aus vielen Paragraphen galt also in einem stattlichen Gebiet für Straßen, welche zwischen Verkehrsdreh- scheiben verliefen, die sich als moderne Verkehrsdreh- scheiben im Aufbau befanden. Eine Auswertung dieses Paragraphenwerkes muß uns also das moderne Stras- senbauwesen Österreichs für die Lombardei und Vene- zien zur Biedermeierzeit nahebringen. Die Effizienz dieser Strassenbauverwaltung sollte Vorbild für andere europäische Regionen sein, deshalb wurde sie im Jah- re 1836 in der Allgemeinen Bauzeitung vorgestellt. (2)
Es wird zwischen sechs Hauptstücken in dieser Vor- schrift unterschieden. Diese sind zerlegt in 59 Artikel. Als Ergänzung wurden 15 Beilagen angeführt, um Ein- zelheiten zu erläutern.
I. Hauptstück: Vorläufige Bemerkungen II. Hauptstück: Vorschriften, nach welchen die Kunst- verständigen auszuwählen sind, welche Straßenbau, u.a. übernehmen durften. Man unterschied zwei Abschnitte, einer beschreibt die Vorgehensweise bei Neubauten, der andere die bei Unterhaltungsarbeiten. III. Hauptstück: Vorschriften für den Entwurf und die Einreichung von Neubau-Projekten. IV. Hauptstück: Vorschriften für die Vergabe von Bauar- beiten an die Unternehmer und für die Bauabnahme. V. Hauptstück: Gebührenordnung für die Planverfasser, Gutachter und die Bauleitung von Straßenbauprojekten. VI. Hauptstück: Allgemeine Vorschriften zur Verein- fachung der Strassenbauverwaltung und zur Kostenein- sparung.
Man sieht an der Gliederung dieses Vorschriftenwerkes, warum es in der Allgemeinen Bauzeitung abgedruckt wurde. Es betraf alle Planer, die im lombardisch-vene- zianischen Königreich Aufgaben im Strassenbau hatten oder für dieses Königreich übernehmen wollten. Es hat- te als Grund jedoch auch, das Renommée dieser Fach- zeitschrift zu steigern, denn die Redaktion konnte dann auf eine gute Zusammenarbeit mit der österreichischen Staatsverwaltung verweisen. Eingangs des 1.Heftes des 2.Jahrgangs dieser Fachzeitung ist zu lesen:
"Aufgemuntert durch die beträchtliche Unterstützung, welche die hohe österreichische Staatsverwaltung dem Gefertigten gnädigst verlieh, und durch die lebhafte Theil- nahme, welche diese Zeitschrift in ganz Deutschland und selbst in dessen benachbarten Ländern gefunden hat, wird es möglich, dieselbe nach dem bisher befolgten Plane und in gleicher Form fortzusetzen" (3)
Das Vorschriftenwerk nennt jedoch auch die beim Stras- senbau handelnden Organe. Dazu steht an verschiede- nen Stellen des Textes, der übrigens für die Allgemeine Bauzeitung in Wien aus dem Italienischen in das Deu- tsche übersetzt wurde, einiges. Zu den Gemeinden wird gesagt:
"Die Obliegenheit der Gemeinden in Bezug auf die Stras- sen und andere ihnen zur Last fallende Arbeiten, umfaßt die neue Konstrukzion und die gewöhnliche Unterhal- tung." (4)
Auf Vorschlag des Gemeinderates oder des Fachaus- schusses des Gemeinderates wurden Planverfasser oder Gutachter, sowie Bauleiter für Projekte für Strassenbau- arbeiten vorgesehen. Ein Projektvorschlag, der in der Gemeindeverwaltung als Vorlage beraten wurde, mußte von mindestens zwei Fachleuten des Straßenbaus unter- schrieben sein.
Wenn vom Straßenbau mehrere Gemeinden betroffen waren, so waren Projekte von Delegierten der Gemeinden "unter dem Vorsitze des k.k.Bezirks-Kommissärs" zu beraten. Dieser Bezirks-Kommissär hatte danach die er- arbeiteten Straßenbauvorschläge bei Hinzufügung einer eigenen Stellungnahme an die "k.k.Provinzial-Delega- zion" weiterzugeben.
Die "k.k.Provinzial-Delegazion" hat dann darüber zu be- raten, was an Projekten eingereicht wurde und sucht nach der besten Idee und dem qualifiziertesten Plan- verfasser, Gutachter oder Bauleiter. Danach wird ein Einvernehmen mit der oder den Gemeinden hergestellt, und es kommt bei Übereinstimmung der handelnden Parteien zu einer Auftragsvergabe, entweder eines Neu- baus einer Straße oder von Unterhaltungsarbeiten oder Begutachtungen von Straßenzuständen, um Aufschluß über notwendige Baumaßnahmen zu gewinnen. Es konnten jedoch nur bei besonderen Anläßen von aus- serhalb Gutachter von Mißständen beigeholt werden, weil die Straßenzustände alljährlich durch die Stras- senbauverwaltungen selbst zu kontrollieren waren.
Bauprojekten, die vorgeschlagen wurden, mußte eine ge- naue Beschreibung beigegeben werden. Ein Kostenvor- anschlag war beizufügen, in dem detailliert alle Arbeiten mit Bemessung ihres Umfangs im Preisgefüge erkenn- bar waren. Die Kosten waren an der zuvor abgelaufenen Kostenentwicklung zu prüfen, um zu realistischen Ko- steneinschätzungen zu kommen. Auch alle vorzunehmen- den Landkäufe oder Anpachtungen für die Strassenbau- arbeiten waren detailliert zu belegen. Um den Bearbei- tungsvorgang zu vereinheitlichen und zu erleichtern, wa- ren bereits Formulare im Einsatz, in denen systemati- sierte Einträge zu leisten waren. Die Projektpläne muß- ten nach dem metrischen Maßsystem ausgearbeitet sein. Dazu gab es ein Zirkular "der gewesenen General- Wasser- und Straßendirekzion vom 11.Dezember 1806". Zu dem Projekt war auch eine Bestandsaufnahme der bestehenden Verhältnisse zu leisten, die verändert werden sollten, sodaß eine Kontrolle über den Wert der projektierten Baumaßnahme möglich war. Natür- lich war herauszuarbeiten, wie hoch die Verkehrsbe- lastung auf den Strassen war, die erweitert werden soll- ten oder als neue Überlandstraßenführung eingerichtet werden sollte.
Die für den Straßenbau notwendigen Baustoffe kamen aus Steinbrüchen und Schottergruben, zu deren Lage und Beschaffenheit Vorschriften genannt werden. Wa- ren für den Straßenbau neue Exploitationsgebiete auszuweisen, hatten die "Bezirks-Kommissäre" die Pflicht, rechtzeitig dafür Sorge zu tragen. Bereits sechs Monate vor Baubeginn waren alle Bezugsstellen von Schotter, Sand und Kies sicherzustellen.
Das abschließende Urteil über alle Vorgänge in einem Bezirk traf ein "Ober-Ingenieur-Amt", an das die Projek- te von den "k.k.Bezirks-Kommissären" zur Prüfung der späteren Kostenabwicklung, usw. übergeben wurde. Wird das Projekt aufgrund aller guten Übereinstimmung als sinnvoll akzeptiert, geht es an das "Gubernium", das die formale Zustimmung zu erteilen hat. Ist diese Baugenehmigung durch das "Gubernium" erfolgt, be- ginnen die Ausschreibungen der Bauprojektteile an die Unternehmer, die ihre Kostenvoranschläge ein- reichen und zusichern müssen, innerhalb einer bestimm- ten Zeit die Arbeiten auszuführen. Zeitgleich laufen al- le Ankaufs- und Enteignungsverfahren an, um die für den Straßenbau erforderlichen Grundstücke zu erhal- ten. Entschädigungen sind genau geregelt worden.
Arbeiten, die durch Unternehmer ausgeführt worden sind, mußten kontrolliert und in einem Abnahmeverfahren an die Ämter übergeben werden. Dies betraf die Abbau- stellen von Schotter, Sand und Kies oder Steinen ge- nauso wie den Transport und den Straßenbau selbst. Bei der Anlage von Abbaustellen war auf den Schutz der Landschaft genauso zu achten wie auf den Schutz von Menschen vor Verschüttung und Absturz. Schmutz- wasser, die sich aus dem Abbau ergaben, durften Was- serbauten für die Bewässerung oder Trinkwasserge- winnung nicht beeinträchtigen. Unternehmen, die tätig waren, erhielten nach einem Prozedere ihre Auszah- lungen der vereinbarten Gelder. Nach Begehungen wurde durch Sachverständige die Qualität der Bauar- beiten geprüft und den Unternehmen dazu ein Zeugnis ausgestellt. In den Prüfungsvorgang waren sowohl die lokalen wie regionalen Ämter, usw. einbezogen. Wenn die Arbeiten der Unternehmer beanstandet wur- den, konnte sie sich bei unzumutbarer Beanstandung zur Wehr setzen. (5)
Man hatte sich also ein Regelwerk ausgedacht, das möglichst gleichzeitig alle Straßenunterhaltungsmaß- nahmen und Neubauten effektiv regelte. Man war be- müht, für jeden Fall und jedes Problem darin Aussa- gen zu machen, sodaß in jedem Falle einheitlich vor- gegangen werden konnte. Das Vorschriftenwerk war in italienischer Sprache abgefaßt und für ein festgeleg- tes Gebiet zum Einsatz gebracht worden.
Leider erfährt man bei Durcharbeitung aller Paragra- phen nichts über den damaligen Strassenaufbau und die bautechnische Qualität der Baumaßnahmen. Es gibt nur Handlungsanweisungen, wie Maßnahmen durch eine vorgeschriebene Bemessung in ihrem Um- fang einheitlich zu definieren sind. Es ist angeführt, das nach dem jeweiligen neuesten Stand der Bau- technik zu verfahren ist. Es bleibt also eine offene Frage, wie zur Biedermeierzeit die unterschied- lichen Straßen in den Städten und Dörfern und auf den Trassen der Überlandstrecken aussahen. Dem ist weiter nachzugehen, um zu verstehen, wie einer- seits moderne Verkehrsdrehscheiben herausgebildet werden sollten, andererseits die Verbindungen zwi- schen ihnen zu gestalten waren. Auch ist heraus- zuarbeiten, welche bautechnische Entwicklung der Straßenbau in der Biedermeierzeit und danach er- lebte. Da ausgesagt wurde, der schottische Inge- nieur John Loudon McAdam habe seine moderne Straßenbautechnik eigentlich von der bereits übli- chen Straßenbautechnik Oberitaliens entlehnt, ist ein sinnvoller Vergleich der in Oberitalien ge- bauten Straßen mit denen von McAdam notwendig.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur und http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) zitiert aus: o.A.: Ueber die Straßen im lombardisch- venezianischen Königreiche. S.296 in: Allgemeine Bau- zeitung. Wien, 1836. siehe dazu auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Makadam http://de.wikipedia.org/wiki/John_Loudon_McAdam (2) Vorschrift in den venezianischen Provinzen zur gleich- förmigen Systemisirung des Straßen-Verwaltungszwei- ges und anderer, den Gemeinden zur Last fallenden Ar- beiten. Abgedruckt S.296-300; S.317-319; (Beilagen I u. III auf S.319-320; Beilagen II u. IV auf S.320); S.329- 331; (Beilage V auf S.332); (Beilage VI auf S.365); (Bei- lage VII auf S.365-367); (Beilage VIII und XII auf S.367); (Beilage IX und XIII auf S.367); (Beilage X auf S.367); (Beilage XI auf S.368); (Beilage XIV auf S.368); (Bei- lage XV auf S.368) in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836. (3) zitiert aus: Ludwig Förster: Vorwort zur zweiten Jahr- gange dieser Zeitschrift. S.1 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1837. Heft 1. (4) zitiert aus: I.Hauptstück, Vorläufige Bemerkungen, Art.1. S.297 in: Vorschrift in den venezianischen Pro- vinzen zur gleichförmigen Systemisirung des Straßen- Verwaltungszweiges..., wie vor. (5) siehe: Vorschrift in den venezianischen Pro- vinzen zur gleichförmigen Systemisirung des Straßen- Verwaltungszweiges..., wie vor, S.296ff.
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