Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben im 19.Jahrhundert: Paris befreit sich von unhygienischen Ver hältnissen und schafft Markthallen

Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben im 19.Jahrhundert: Paris befreit sich von unhygienischen Verhältnissen und schafft Markthallen

Bevor die Stadt Paris ihre Prachtboulevards erhielt, war es eine schmutzige und beengte Stadt. Sich aus diesen Verhältnissen zu befreien, war nicht einfach. Es wurden viele Wege versucht, einer zielte darauf ab, hygienische Verkaufshallen in die Stadtquartiere zu bringen:
"Keiner Stadt /.../ war die Anlage öffentlicher Orte zum Verkaufe von Lebensmittel so unbedingt nöthig, als der durch ihre ehemals sumpfige Lage und durch Anhäufung von Schmutz in den meisten Straßen so sehr beeinträch- tigten Stadt Paris." (1)
Es dürfte sich lohnen, die absurden Zustände des beeng- ten Paris genauer zu untersuchen, um den Wert der Modernisierungsmaßnahmen richtig zu verstehen. Un- ter der historischen Stadt Paris hatte man die Kalk- steinbänke ausgebeutet, zunächst, um eine Bogen- brücke über die Seine zu bauen. Mit der Zeit dehnte sich dieses Gebiet der unterirdischen Steinbrüche unter der ganzen alten Stadt aus, um oberirdisch Bauwerke aus Kalkstein zu errichten. So ist das unterirdische Paris zu einem Tunnel- und Hallensystem geworden, auf dem zu bauen nicht sehr einfach ist, da man sich der unter- irdischen Anlagen immerzu versichern muß. Auch der Erbauer der Markthalle von St.Germain und des Magda- lenenmarktes mußte darauf Rücksicht nehmen.
"Bei der Anlage dieser beiden Marktgebäude war der Architekt durch die Terrainverhältnisse in die Nothwen- digkeit versetzt, das Fundament beiläufig um 3 Met. tiefer zu legen, als die Sohle des alten Marktplatzes von St.Germain. Er stieß in dieser Tiefe auf eine Stein- bank, die sich beinahe unter dem ganzen Platze aus- dehnte, und an manchen Orten schachtförmig ausge- höhlt ist, da sie wahrscheinlich vor undenklicher Zeit auf ähnliche Art benützt worden sein mag, wie es ge- genwärtig bei den Steinbrüchen auf der Ebene von Montrouge der Fall ist." (2)
Man kann aus dem Schnitt durch die Markthalle von St.Germain ersehen, zu welchem Mittel der Architekt griff, um eine sichere Fundamentierung des Gebäudes zu erreichen. Er mußte einen weiten Fundamentie- rungsbogen über einen unterirdischen Hohlraum im Kalkgestein bauen lassen:
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Paris_MarkthallenSt_Germain_1
Die rasch angesteigende Bevölkerungszahl der Stadt Paris erzwang immerzu neue Maßnahmen, um die Lebensmittelversorgung der Stadtbevölkerung sicherzu- stellen. Transportwege und -mittel waren zu moderni- sieren und große Markthallen wurden notwendig. Die Allgemeine Bauzeitung sah in der Biedermeierzeit die Notwendigkeit, eine "Würdigung der Geschicklich- keit und Findigkeit der Pariser Architekten" vorzuneh- men, sodaß wir im Laufe des Bestehens dieser Fach- zeitschrift für das Bauwesen eine Reihe von Aufsätzen finden, in denen diese Baumaßnahmen besprochen sind. Zu ihnen gehörten die große Mehlhalle, die beiden großen Markthallen, etliche Passagen, usw. Es sind dies Bauwerke, an denen Architekten und Ingenieure zu zeigen hatten, was sie vermochten. Die Markthallen von St.Germain wurden eingehend besprochen. Sie mö- gen als erstes Beispiel angeführt sein:
"Diese Anstalt zeichnet sich durch ihre Lage und Aus- dehnung ganz vorzüglich aus. Das Hauptgebäude nimmt in Form eines Parallelogrammes einen Raum von 92 M.Länge und 75 M.Breite ein, und umschließt einen geräumigen Hof, in dessen Mitte ein Brunnen sich erhebt." (3)
Man kann das sehr gut dem Grundriß entnehmen:
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Paris_MarkthallenSt_Germain_2
Um einen großen Innenhof mit Brunnen in der Mitte ziehen sich um ein Geviert langgestreckte Markthallen, die über quadratische Abteilungen miteinander verbun- den sind. Eingänge mit Vestibülen gibt es sowohl in der Mitte wie an den Ecken des Hallengevierts. Von diesen Vestibülen gehen jeweils zwei Gänge entlang der Verkaufsbuden, die dicht an dicht gereiht sind.
Man hatte an der Nordseite, parallel mit dieser Bau- anlage, eine zusätzliche langgestreckte Markthalle er- richtet, die nur für die Fleischer gedacht war:
"Gegen Norden liegt ein, mit dem Hauptgebäude in der Architektur übereinstimmender Bau (Fig.3u.4.) für die Fleischbänke, der durch die Häuser der anstos- senden Gasse Petit-Bourbon vor der Sonne geschützt ist." (4)
Das Problem der Zeit war es noch, nur einfache Mit- tel einsetzen zu können, um Kühlung zu erhalten. Hier wurde die schattige Lage einer Häuserzeile aus- gewählt, damit dieser Teil des überdeckten Marktes kühler ist.
Es wird erwähnt, daß das Markthallengeviert um den großen Innenhof keine Keller hat und nur aus einem Erd- geschoß besteht, "welches 368 Markthütten bedeckt". Man kann zu ihnen durch Eingänge, Vestibüle und die Gänge zwischen den Marktständen gelangen. Die extra in einer gesonderten Halle gelegene Fleischhauerei an der Nordseite hatte 36 Abteilungen für die Metzger erhal- ten und wurde vom übrigen Marktbetrieb bewußt getrennt. Damit die abgehenden Flüssigkeiten des Fleisches kei- ne üblen Gerüche verbreiten, hatte man den Boden die- ser Markthalle etwas höher gelegt, um darunter kühle Kellerräume zu schaffen.
"Diese Keller, welche die ganze Länge der Fleisch- hauerei einnehmen, sind mit 21 Tonnengewölben be- deckt, und nach dem, in Figur 3 ersichtlichen Grund- risse in 150 Hütten abgetheilt, die eben so viele ge- sperrte Magazine zur Bequemlichkeit der Fleischer bilden." (5)
Ich frage mich, wie damals eine solche Fleischhalle funktionierte, wenn zwei Geschosse übereinander lagen. Im Keller wurde das Fleisch offensichtlich gelagert, um es in der Kühle zum Verkauf vorzubereiten. Das abwasser der Fleischverarbeitung könnte über Kanäle unterirdisch abgeführt worden sein.
Beide Markthallengebäude waren "mit einem schönen, gezimmerten Dachwerke gekrönt". Als Dacheindeckung wurden Hohlziegel genommen, "deren zweckmäßige Gestalt eine lange Dauer" verbürgen sollte. Der Dach- ziegel ist im Text genau beschrieben. Als Architekt der Markthallen wird "Garrez, Architekten" genannt. Die Bauleitung in St.Germain hatte der Architekt Lous- son, der vermutlich aus dem Büro Garrez stammte.
Man wird sich mit der Umgestaltung von Paris zu be- schäftigen haben. Die oberirdischen Friedhöfe waren zum großen Problem geworden, weil die Leichenflüs- sigkeiten die städtischen Brunnen vergiftet hatten. Man verlagerte deshalb die gesamten Gebeine aus den oberirdischen Begräbnisstätten in die unterirdi- schen Hohlräume der Steinbrüche unter der Stadt und verbot oberirdische Friedhöfe im Stadtgebiet, um Krankheitsgefahren einzudämmen.
Gesundes Trinkwasser war in die Stadt zu bringen. Dafür wurde eine Trinkwasserkanal gebaut, der aber auch als Schiffskanal benutzt wurde, um Transporte in das Stadtinnere zu erleichtern und kostengünstiger zu machen. Man begann Strassenkanäle und Ab- wassersysteme unter die Strassen zu legen und verbesserte die Straßenbeläge, sodaß Kutschieren einfacher wurde. Den Werdegang des Ausbaus der Pariser Infrastruktur zu verfolgen, muß sehr interes- sant sein. Aber nur langsam bildet sich mit Paris eine moderne Verkehrsdrehscheibe heraus. Zu die- ser Verkehrsdrehscheibe für den Transport gehören auch die Markthallen als Endstellen vieler Überland- transporte. Sie waren für eine Versorgung der Bevöl- kerung mit Nahrungsmitteln notwendig geworden. Man gab sich beim Bau dieser Hallen sehr große Mü- he, qualitativ hochwertige Baukunst zu schaffen.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur und http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) zitiert aus: o.A.: Ueber einige öffentliche Markthallen und Boutiquen in Paris. S.25-27; Abbild.CLXXXIV in: All- gemeine Bauzeitung. Wien, 1838. S.25 (2)-(5) zitiert aus: o.A., wie vor, S.26
siehe auch Hinweise auf die spätere Entwicklung: http://de.wikipedia.org/wiki/Georges-Eug%C3%A8ne_Haussmann http://members.fortunecity.com/reisenge/PARIS/haussmann/haussmann/paris.htm
Add pictures here
✖
<% if( /^image/.test(type) ){ %>
<% } %>
<%-name%>
Add image file
Upload

Polytechforum.com is a website by engineers for engineers. It is not affiliated with any of manufacturers or vendors discussed here. All logos and trade names are the property of their respective owners.