Die Entwicklung des modernen Bauwesens seit der Biedermeierzeit: alte Fachzeitschriften machen sie nachvollziehbar

Im Jahre 1836 entstand in Wien die Allgemeine Bauzeitung, in der über Eisenbahnbau, Brücken- bau, Wasserbau und Baukunst genauso publiziert
wurde wie über andere Themen des Bauwesens.
In den 1860er Jahren erschien dann in Berlin eine ähnliche interdisziplinäre Fachzeitschrift für das Bauwesen.
Diese interdisziplinäre Form einer Fachzeitung fehlt vermutlich heute. Man kann die Mitarbeit in Newsgroups dazu nutzen, um wieder interdis- ziplinär durch ausgearbeitete Beiträge zu infor- mieren.
Dies zur Anregung in die drei Newsgroups de.etc.bahn.historisch, de.sci.architektur und de.sci.ing.misc
Eine Auswertung dieser alten Zeitschriften macht uns heute bewußt, wie sich die Fachge- biete einerseits entwickelten, welche Themen seit der Biedermeierzeit wichtig waren, aber es wird auch deutlich, daß die Fachgebiete ausein- ander trifteten.
K.L.
-----------------------------------------------------> Aufsatz:
Aufbruch in der Biedermeierzeit: Die Fachzeitung für die "Männer vom Fache" wird gegründet
Als sich Leute daran machten, im Jahre 1836 die All- gemeine Bauzeitung herauszugeben, wollte man ein Informationsblatt, das zur "Baukunst auch im entfern- testen Sinne Bezug hat". (1) Es sollte möglichst viele erreichen. Das drückte man mit diesem Satz aus:
"Uebrigens wird es bei dieser Zeitschrift Grundsatz sein, die Texte so populär als möglich zu halten, um so auch dem Werkmanne verständlich zu werden." (2)
Der Arbeitsansatz ist so gehalten, daß man dem "man" vom Fach und damit 'jeder und jedem', die am Fachgebiet Bauwesen Interesse haben, Infor- mationen bieten will. Die Frauen sind darin einge- schlossen, aber nicht durch ein Feminin angeführt. Die Baukunst ist feminin, also ein Gegenüber und vice versa. Zugleich wird dadurch ein Unvermögen der Sprache deutlich, kein Unterdrückungsverhältnis im Gegenüber der Geschlechter. Der Text spiegelt die damalige Arbeitsteilung wider. Den Männern wa- ren genauso Berufe verwehrt wie den Frauen. Wie solche sozialen Vereinbarungen sich organisieren, ist schwierig zu wissen, da die Aufteilungsbestre- bungen der Arbeitsverhältnisse gegeneinander wirk- sam gemacht werden und sich daraus Vereinba- rungen ergeben, die auch ein hierarchisches Wer- teverhalten beinhalten.
Auf der Titelseite der Ausgaben steht unter der Zeile "Allgemeine Bauzeitung", an wen sie sich richtet. Beachten wir die Worte in ihrer Reihenfolge und He- rausstellung. Sie ist gerichtet an:
"Architekten, Ingenieurs, Dekorateurs, Bauprofessio- nisten, Oekonomen, Baunternehmer, und Alle" (3)
Es sind dies alles Leute,
"die an den Fortschritten und Leistungen der neu- esten Zeit in der Baukunst und den dahin einschla- genden Fächern Antheil nehmen" (4).
Diese Reihenfolge nennt zuerst Architekten, Ingeni- eure und Innenausstatter. Das sind die Leute, die Gebäude entwerfen, ihre Standsicherheit durchden- ken und ihr Inneres ausstatten. Das Wort "Antheil nehmen" ist sehr interessant im Text eingesetzt. Das konnte 'jede und jeder', tat aber nicht 'jede und jeder'.
Es ist also anzunehmen, dies ist die eigentliche Zielgruppe, die den Anlaß zur Gründung der Fach- zeitschrift gab, die Ludwig Förster in Wien heraus- gab. Erst eine Auswertung der Themen, die jede Ausgabe bringt, sagt etwas dazu aus, welche Schwerpunkte wirklich gesetzt wurden. Die Seiten- zahl einer jeden Ausgabe war relativ gering, die Fachzeitschrift erschien jedoch in rascher Folge. Man muß das mit der Zeit auswerten.
Die "Bauprofessionisten, Oekonomen und Bau- unternehmer" sind jedoch keine minder interessan- te Fachgruppe, da sich die Textbeiträge, die aus und für diesen Personenkreis zustande kommen, für die Architekten, Ingenieure und Innenausstat- ter ganz besonders interessant gewesen sein dürften. Denn es sind ja die Leute, die den Bau in der Finanzierung und Bauausführung genau durch- denken müssen. Die Strategie des Herausgebers war also gut durchdacht, denn er brachte Leute zu- sammen, die sich sonst eher vereinzelt ins Ge- spräch bringen konnten. Es gab natürlich damals schon Versammlungen der Berufsgruppen und große Kulturveranstaltungen. Hier warb man sicherlich für den Aufbau dieser Fachzeitschrift.
Der "Plan der Bauzeitung" und die "Aufforderung an Männer vom Fache", die Allgemeine Bauzeitung in Wien "durch Mittheilungen zu bereichern" nimmt als Text die ersten beiden Seiten und einen kleinen Teil der dritten Seite des 1.Heftes dieser Fachzeit- schrift ein. Hier steht als Zusammenfassung die Programmatik dieses ganzen Unternehmens, das dazu angetan war, die Fachwelt im Deutschen Bund für sich einzunehmen. Es wäre interessant zu wissen, wer die Zeitung bezog und wie sich der Leserstamm entwickelte und von woher die Beiträge von selbst kamen und von wo sie speziell angefordert wurden. Dieser Deutsche Bund wird später durch die Reichsgründung ersetzt. Wien ge- rät dabei in Abseitslage, wird aber nicht uninter- essanter im deutschsprachigen Kulturraum. Die Allgemeine Bauzeitung erhält jedoch durch die Gründung einer Fachzeitschrift, die in Berlin he- rausgegeben wird, in den 1860er Jahren Konkur- renz. Doch bleiben wir bei der Allgemeinen Bau- zeitung, ein Solitär ihrer Zeit. Die Programmatik in ihrer 1.Ausgabe sagt viel aus. Legen wir den Text auseinander:
"Den Hauptgegenstand sollen ausmachen: bild- liche und beschreibende Darstellungen merkwür- diger, erst im Laufe der neuesten Zeit vollendeter Bauwerke, vorzüglich von Deutschland, Italien, Frankreich, England, Rußland, Griechenland und solchen Gegenden, woher die Mittheilungen mög- lich werden" (5)
Man denkt also bereits über den deutschsprachi- gen Kulturraum, der im Deutschen Bund zusam- mengeschlossen war, hinaus und will den Fokus auf die Entwicklung in den genannten Länder legen, hofft aber darauf, auch zum Bauwesen ganz an- derer Länder Informationen einziehen zu können.
Es geht in der Berichterstattung um solche "Darstel- lungen", die "sich auf Zweck, Errichtung und Styl der Gebäude" beziehen, "und besonders auf Wer- ke der schönen Baukunst, wie Monumente, Staats- und öffentliche Gebäude, Stadt- und Landhäuser, Gartengebäude, Dekorazionen, Hausgeräthe und Alles, was mit gutem Geschmacke ausgeführt ist". (6)
Genauso will diese Fachzeitschrift "Mittheilungen wichtiger Erfahrungen an /.../ Werken des Civil-, Brücken-, Wasser- und Straßenbaues" abdrucken. Dazu ist daran gedacht, "Beschreibungen interes- santer Werkstätten zur Erzeugung von Bauverzie- rungen und Materialien, als: Ziegeleien, Töpfereien, Eisengießereien usw." wiederzugeben, die um "Be- schreibungen von Fabriks- und Oekonomie-Gebäu- den, soweit sie von den Baumeistern gekannt sein müssen" zu ergänzen sind. Man will auch über die Aufstellung von Maschinen informieren, da ei- ne dynamische neue Zeit der Produktion eingesetzt hatte, und über die Maschinen selbst informieren. Alles das, was Relevanz zum Bauwesen hat, interessierte die Redaktion, also Archäologie, der Fachbuchmarkt, die Gartenkunst und die "Landesverschönerung", das "Gewerbswesen" und die Ökonomie. Darstellungen zur Geschichte der Baukunst sollten Raum bekommen. Durch Rezensionen der Fachliteratur war auch Platz vor- sehen, um die neueren Veröffentlichungen zum Bauwesen einer kritischen Würdigung auszu- setzen. (7)
Einen wichtigen Platze sollte die Architekturkritik bekommen, damit Geschmacklosigkeiten zurück- gedrängt werden konnten. Hier interessiert natür- lich heute, über 170 Jahre nach der Gründung der Fachzeitschrift, das Wertesystem der unterschied- lichen Autoren solcher Architekturkritik.
Damals gelang es auch schon, Architekturzeich- nungen in beeindruckender Qualität zu drucken, sodaß es möglich war, den schriftlichen Erklä- rungen von Bauten, gute Abbildungen beizugeben, die später, als das möglich wurde, um Fotos er- gänzt wurden. Man müßte die Zeit haben, sich mit der Entwicklung der Drucktechnik zu beschäf- tigen, um den Werdegang dieser Fachzeitschrift besser zu verstehen. Man verfolgte von Anfang an einen hohen Anspruch:
"Dekorazionen sollen, wo es nöthig ist, auch in Farben-Druck oder koloriert gegeben werden." (8)
Nicht zuletzt sah man sich schon am Aufbau ei- nes Archives für das Bauwesen beteiligt, das durch dieses Unternehmen der Fachzeitung zu- gleich entstehen wird:
"Während nun diese Zeitschrift in ihrem Fortbe- stande ein Archiv für die besten und neuesten Bauwerke, und für die Mitarbeiter ein Mittel- punkt des Austausches der Ideen und Erfahrun- gen werden wird, soll auch Jedermann Nutzen und Unterhaltung daraus ziehen können." (9)
Dieser Satz verzweigt das, was die Fachzeitung auslösen kann und wird, in interessante Richtun- gen. Für mich selbst von großem Interesse ist natürlich der Hinweis auf das Archiv, das mitent- standen ist, denn es fragt sich, wo dieses Material bewahrt ist oder ob es unterging. Bislang ist mir nur bekannt, daß Ausgaben der Allgemeinen Bau- zeitung bis 1918 vorhanden sind. In diesem Jahr war die Monarchie in Österreich zusammenge- brochen und ein neues Zeitalter begann nach dem Ersten Weltkrieg für das übriggebliebene Kerngebiet dieses Staates. Spannend zu lesen ist sicherlich die umfangreiche Korrespondenz der Redaktion und das, was alles bei ihr einging. Denn das dürfte an Umfang sehr viel mehr ausgemacht haben, als das, was zum Druck kam. Somit müßte dieses Archivmaterial die Zeit wesentlich besser beleuch- ten als das, was reduziert in dieser Fachzeitschrift selbst zu finden ist. Aber man muß sich zunächst begnügen und erst einmal lesen, was in dieser gedruckten Fachzeitung selbst aufzufinden ist.
Die Redaktion rief damals die Leser und potentiellen Autoren dazu auf, Kritik und neue Beiträge einfach an die Adresse "Ludwig Förster in Wien" (10) zu schicken. Das strotzte vor Selbstbewußtsein. Das Postamt war wohl informiert, denn die Briefe werden angekommen sei. Diese Fachzeitschrift hatte an- fangs acht Seiten. Man wird also einen großen Bogen Papier beidseitig so bedruckt haben, daß durch Faltung des Bogens und Beschnitt diese interessante Zeitung zustande kam. Um sie zu erweitern, dürfte man darauf gesehen haben, zwei Bögen beidseitig zu bedrucken, um sie an- schließend, gefaltet und beschnitten, zum dickeren Zeitungsheft zusammen zu legen. Ein spannendes Unternehmen, daß die Fachwelt voran- brachte und viel Fortschritt im Bauwesen erzeugte.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) siehe: Hg.: Plan der Bauzeitung und Aufforderung an Männer vom Fache, dieselbe durch Mittheilungen zu bereichern. S.1-3 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836. 1.Heft, S.1 (2) zitiert aus, Hg., wie vor, S.1 (3)-(4) Zusatz der Titelzeile zitiert von der: Allge- meine Bauzeitung, wie vor, S.1 (5) zitiert aus: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie vor, S.1 (6)-(7) siehe: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie vor, S.1 (8)-(9) zitiert aus: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie vor, S.2 (10) siehe: Hg.: Plan der Bauzeitung..., wie vor, S.3
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