Eine solide Antwort auf eine offene Frage in der Biedermeierzeit: Wie ist aufsteigende Feuchtigkeit im Mauerwerk zu verhindern?

Eine solide Antwort auf eine offene Frage in der Biedermeierzeit: Wie ist aufsteigende Feuchtigkeit im Mauerwerk zu verhindern?

Bayern hatte lange Zeit ein Königshaus. Dem Herrscher- paar stand ein königliches Schloß zur Verfügung,
"ein durch zwei große Feuersbrünste zerrissenes, völlig unregelmäßiges und doch keineswegs aus glücklichem Zufalle oder aus Absicht malerisch zusammengruppirtes Aggregat höchst unbedeutender Mauermassen" (1).
Diesen unbedeutenden Mauermassen, also dem könig- lichen Schloß, so wird ausgesagt,
"ermangelte durchaus einer sonnigen, heitern, beque- men Wohnung für das Herrscherpaar." (2)
Man denkt bei diesen Zeilen sofort an die Architektur- theorie vom "Sonnenbau", durch die Faust und Vorherr ein gesünderes Bauen zu derselben Zeit propagierten. Da Vorherr von München aus tätig war, könnte ein Zu- sammenhang bestehen. Vorherr wollte Wohnungen durchsetzen, die ausreichend besonnt waren. Wenn für ein Herrscherpaar, also die Spitze der sozialen Hier- archie, ein solcher Bau durchsetzbar war, würde das sehr viel im Land für die Sache bewegen. Man müßte dieser Frage nachgehen. Leo von Klenze, "königl.bayer. Geh.Rathe" und "Ritter", erhielt den Planungs- und Bau- auftrag. Es könnte Verbindungen zwischen Leo von Klenze und dem Architekten Vorherr bestanden haben, zumal Vorherr in München ein Mitteilungsblatt heraus- gab.
Doch kommen wir zur Bauaufgabe. Dem Bedürfnis, gut zu wohnen,
"sollte durch den neuen Bau in der Art abgeholfen wer- den, daß das erste Geschoß diese doppelte Wohnung, das Erdgeschoß aber die nöthigen Räume für die Kü- chen und ein Appartement enthielte, welches gelegent- lich von fremden Gästen bewohnt werden könnte, und zugleich in fünf Sälen kyklische Darstellungen a fresco aus dem Nibelungenliede enthalten sollte. In dem zwei- ten Geschosse sollte eine Folge von Sälen für kleine Hoffeste von 130 bis 150 Personen nebst Ball- und Eß- saal eingerichtet werden." (3)
Dem Architekten wurde aufgetragen, eine prachtvolle Innenausstattung zu gestalten. Es gab jedoch funktio- nale Probleme. Der Neubau war nicht ausreichend groß:
"Es mußten also die Wohnungen aller königlichen Kin- der und der zum Hofe gehörigen Personen in den alten Theilen des Schlosses belassen werden. Die bewohn- baren Theile dieses Gebäudes waren aber dadurch weit von der neuen königlichen Wohnung entfernt" (4)
Trotz dieser Probleme entstand ein bequemer Wohn- bau. Leo von Klenze hatte zwei Entwürfe vorgelegt, aus denen ausgewählt werden konnte,
"wovon der eine im reinen Style der griechischen Archi- tektur mit scheitrechten Fenster- und Thor-Architravi- rungen, der zweite in römischer Art, welche Pilasterord- nung mit Arkaden vereinigt, angeordnet war." (5)
Man blieb jedoch unschlüssig und bat darum "einen Entwurf in dem florentinischen Style" auszuarbeiten, der sich am "Pallast Pitti" orientieren sollte. Dieser hat eine Fassade aus Rustikamauerwerk, die offen- sichtlich gesehen worden war und Eindruck hinterlas- sen hatte. Leo von Klenze erarbeitete also ein Bau- werk in ähnlicher Manier und erhielt den Auftrag zum Bau dieser Idee. (6)
Das aufwendige Raumprogramm ist sehr genau in der Fachwelt der damaligen Zeit diskutiert worden. Und überhaupt wurde dem Bau sehr großes Interesse entgegengebracht, schon deshalb, weil es ein weite- res Meisterwerk des bedeutenden Architekten Leo von Klenze werden sollte. Da er so profiliert war, mußte auf jedes Detail am Bau geachtet werden. Und größ- te Sorgfalt bei der Bauausführung war geboten.
Hier soll jedoch nur die Beschaffenheit des Baugrundes, die Art der Fundamentierung und des aufsteigenden Kellermauerwerkes von Interesse sein, da es darum geht, wie bei diesem Bauwerk die aufsteigende Feuch- tigkeit im Mauerwerk verhindert wurde. Man hob da- mals die Baugrube aus und stellte fest:
"In jener Tiefe, wo sich die Anlage der Fundamente be- dingte, bestand der Baugrund im Allgemeinen aus mehr oder minder dichten Kiesschichten, welche bald auf-, bald absteigend auf sogenanntem Flinz, einer Mergelart, welche mit Kieselthon und kohlensaurer Kalkerde, dann Glimmer gemengt ist, lagerten." (7)
Man hatte also Grundwasserzüge zu bekämpfen, die sich hoben und senkten. Man mußte sich vergewis- sern, welche Ausmaße diese Wasserbewegungen an- nehmen konnten.
"Es offenbarte sich daher schon im Verfolge der er- sten Grundarbeiten, daß die jeweiligen Anschwellun- gen dieser Wasserzüge die Höhe der Fundament-An- lagen, ja selbst jene des Kellerbodens hie und da be- trächtlich zu übersteigen drohten, wodurch ein großer Nachtheil für den Bau vorauszusehen war." (8)
Die Frage ist nun, wie damit umgegangen wurde:
"Man entschloß sich sonach, durch einen, rings um das Gebäude führenden, unterirdischen Kanal /.../, dessen Anlage 3 Fuß tiefer als die tiefsten Stellen der Fundamente geschah, die Grundfläche des Ge- bäudes gleichsam zu isoliren, indem die Gewässer auf dieser letzteren durch mehrere kleine Gräben sich bald in den Kanal verrannen, und alle von außen eindringenden Flüssigkeiten von demselben aufge- nommen und sofort abgeführt wurden. Dieser Kanal befindet sich sowohl außerhalb als im Hof des Ge- bäudes, 10 Fuß von den Fundamenten der Umfangs- mauern entfernt." (9)
Das erinnert an die Maßnahmen, die Schinkel bei seinem Bau für die "königl.preuß.allgemeinen Bau- schule", bei uns heute als Bauakademie bekannt, getroffen hatte. Auch hier umgibt ein Kanal die Bau- schule. Schinkel hielt diesen Kanal jedoch offen, sodaß auch das Kellermauerwerk insgesamt trocken blieb. Leo von Klenze ließ ihn als Drainage unter- irdisch verlaufen. Er ließ auch die Abführung der "Dach- wässer" durch ihn fließen:
"Nebst dem obigen Zweck dient dieser Kanal zu- gleich zur Aufnahme und Abführung der Dachwässer, welche in eilf verschiedenen Stellen in denselben fließen, und eben so auch des in den Holfraum fal- lenden Regenwassers." (10)
Damit war bereits sehr viel Feuchtigkeit von dem Bauwerk entfernt und konnte ihm nicht mehr schaden. Man traf Schutzmaßnahmen, damit der Kanal nicht verschlammen konnte. Als der Bauvorgang der Fun- damentierungsarbeiten ablief, hatte man noch mit dem eindringenden Wasser zu kämpfen.
"Man mußte sich bei der Anlage der Grundmauern gegen den Andrang der Wasserzüge gleichwohl der gewöhnlichen Hilfsmittel bedienen, indem man in dem innern Raume des Baues die Grundwässer an den geeignetsten Stellen in eigene Gruben leitete und von da mittelst einfacher Pumpen entfernte." (11)
Aufgemauert wurde mit Backsteinen, sobald der Fundamentbereich von Wasser freigehalten werden konnte:
"Auf diese Weise ward es thunlich, daß fast alle Mau- eranlagen mit guten Ziegelsteinen, als dem bei uns wohlfeilsten Materiale, bewerkstelligt werden konnten, und nur an den schlimmsten Stellen des westlichen Flügels Quaderstücke aus Nagelflue für die unterste Schichte benöthigt wurden." (12)
Leo von Klenze setzte also an sehr schwierigen Stel- len zur Vorsicht "Quaderstücke aus Nagelflue" ein, ein Material, das ein Jahrhundert später den Architek- ten Le Corbusier faszinierte, so sehr, daß er Beton bei seinen Bauten sichtbar ließ, da das Material die- sem natürlichen Baustoffe der Natur so nahe kam.
Im Jahre 1826 waren die Fundamente für den Königs- bau in München gelegt, der Drainagegraben angelegt, die
"Haupt- und Mittelmauern des Kellergeschoßes, alle aus Ziegeln bestehend"
bis zur "Höhe der äußeren Bodenlinie" gebracht. (13)
Nun war darauf zu achten, daß das weitere aufstei- gende Mauerwerk ab dem Erdgeschoß eine Fassade aus Sandsteinquadern als Verblender und ein Hinter- mauerwerk aus Ziegeln erhielt. Damit keine Setzungs- schäden eintraten, welche diese aufwendige Sandstein- fassade schädigen konnten, mußte das Kellermauer- werk gut gesichert werden.
"Zu diesem Behufe wurden diese Hauptmauer-Ziegel- fundamente, noch unter der äußern Bodenhöhe, in ihrer ganzen Breite oder Dicke mit zwei sich über- bindenden Lagen aus Nagelflue, jede 2 Fuß hoch, belegt und verklammert, wodurch denn auch noch be- absichtigt ward, nach sorgfältiger Abgleichung der obern Lage, der unmittelbar darauf zu setzenden Sandsteinschichte eine reine und vollkommen solide Basis herzustellen." (14)
Man schuf also einen Ringanker durch verklammerte Steinlagen und erhoffte sich so, Setzungsschäden zu vermeiden.
Dargestellt ist leider nicht, wie man das aufgemauerte Kellermauerwerk gegen Feuchtigkeit aus dem ange- schütteten Erdreich schützen wollte, sondern man erklärt nur, daß bereits bei der Aufmauerung der Fun- dierung und des Kellermauerwerkes die Arbeiten "unter Schutzdachungen" erfolgten, um die Durch- nässung der Mauern bei Regen zu vermeiden. Da trotzdem durch das Mörteln und Mauern Feuchtig- keit im Kellermauerwerk verblieb, kam es dem Leo von Klenze nun darauf an, diese Feuchtigkeit im Mauerwerk an einem Aufsteigen in die darüber liegen- den Erdgeschoßmauern zu hindern, oder anders ausgedrückt, er fürchtete
"daß die Feuchtigkeit derselben, zu Folge der Natur und Kapillarität des Ziegelmauerwerks, den darauf be- findlichen Mauern mitgetheilt würde". (15)
Die Maßnahmen, die er traf, waren gründlich:
"Deßhalb wurden die sämmtlichen Fundamentmau- ern, diejenigen ausgenommen, welche sich im Erd- geschosse nicht fortsetzten, mit einer Mischung aus Schweißsand und Theer 1/4 Zoll dick bedeckt, und sodann mit dünngewalzten Bleiplatten, pr.Qua- dratfuß 13 bis 16 Loth schwer, belegt, nachdem diese vorher mit Oelfirniß, in welchen aufgelöster Gummi-Elastik gemengt war, auf beiden Seiten be- strichen und wohl getrocknet wurden." (16)
Aber das war noch nicht alles, damit "das Grund- mauerwerk von dem oberhalb befindlichen gleich- sam isolirt, ohne die innigste Verbindung im min- desten zu beeinträchtigen" nach oben hin so weitergemauert werden konnte, ohne daß Feuchtig- keit wandern konnte. Man machte auch noch dies:
"Die erste Ziegellage ward sodann, statt in Mörtel, in eine gleiche Mischung des erwähnten Theers und Schweißsand gelegt, und hierauf die Maue- rungen in gewöhnlicher Manier fortgesetzt, jedoch auch hierbei sich alles überflüssigen Wasserver- brauchs enthaltend." (17)
Es gelang dadurch, aufsteigende Erdfeuchtigkeit nicht in die oberen Geschoße vordringen zu lassen. Über dem Keller mauerte man die Wände unter Schutzdächern. So sah man auch bei den Oberge- schoßen darauf, daß die Mauern nicht vom Regen durchnäßt wurden. Man hatte jedoch noch ganz andere Feuchtigkeitsprobleme zu bewältigen, die interessant erörtet wurden. Das Verblendungsmau- erwerk der Fassaden war aus Sandsteinen herzu- stellen. Dieses kam noch erdfeucht auf die Bau- stelle. Damit diese Sandsteinbauteile im Winter- frost nicht zerspringen konnten und unansehnlich wurden, errichtete man ein Bauwerk zur Trocknung der Sandsteine. Auf diese Weise gelang es, auch ihnen die Feuchtigkeit zu entziehen, wohl wissend, daß dieser Sandstein nach Austrocknung eine zunehmende Festigkeit erhält, die ein Vordringen des Feuchtigkeitsbefalls an der Fassade weitge- hend ausschloß. So ward auch dieses Problem gelöst. Man sollte diesen Vorgang der Austrocknung, wie man dabei vorging, anderswo beschreiben.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur und http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1)-(4) zitiert aus: o.A.: Ueber den Königsbau in Mün- chen. I. Motive des Baues. S.17-20 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1837. S.17 (5) zitiert aus: o.A., wie vor, S.18 (6) siehe: o.A., wie vor, S.18 (7)-(10) zitiert aus: o.A.: Ueber den Königsbau in Mün- chen. III. Beschaffenheit des Baugrundes und Trockenlegung desselben. Fortsetzung. S.33-37 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1837. S.33 (11) zitiert aus: o.A., wie vor, S.34 (12) zitiert aus: o.A., wie vor, S.34f. (13) siehe: o.A., wie vor, S.35 (14)-(17) zitiert aus: o.A., wie vor, S.35
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