Weiterbildung in der Biedermeierzeit: Mitglieder der bayerischen Baupolizei werden für neue Anforderungen geschu lt

Weiterbildung in der Biedermeierzeit: Mitglieder der bayerischen Baupolizei werden für neue Anforderungen geschult
Es dürfte interessant sein zu wissen, wie die Feudal-
staaten und freien Städte, die nach dem Zusammen- bruch der napoleonischen Herrschaft im Deutschen Bund bis zum Deutschen Krieg, also von 1815 bis 1866, zusammengeschlossen waren, die Ausbildung für das Bauwesen organisiert hatten. Vereinzelt tauchen Hin- weise dazu in den Fachzeitschriften auf. Auch für die Zeit nach dem Deutschen Krieg, als sich die Macht- blöcke Preußen und Österreich-Ungarn mit ihren Bünd- nispartnern belauerten, sind Berichte zu den Ausbil- dungsstätten in den Fachzeitschriften aufzufinden.
Für Bayern werden 1836 verschiedene Ausbildungs- stätten erwähnt, so die "königl.Bayer.polytechnische Centralschule" und eine "Handwerks-Feiertags-Schule in München. (1) Außerdem ist eine "k.Baugewerks- schule", ebenfalls in München, angeführt, sodann ein "sonn- und feiertägiger Unterricht in den Elemen- tar-Zeichnungsschulen". (2)
Es dürfte sich lohnen, sich die Arten der Ausbildungs- stätten, ihre Gründungszeiten und ihre Umwandlung in modernere Ausbildungsstätten bewußt zu machen. Auch die Art, wie unterrichtet wurde, wird interessant sein müssen. Man nutzte offensichtlich höhere Aus- bildungsstätten auch zur Weiterbildung spezieller Be- rufsgruppen des Bauwesens. So wurden im Januar des Jahres 1836 "sämmtliche königl.Distrikts-Polizeibehör- den des Isarkreises" in Bayern angeschrieben, um die "technischen Mitglieder der Baupolizei-Kommissio- nen" zu einer Weiterbildung nach München an die "k.Baugewerkschule" einzuladen. Sie sollten durch Vor- träge "einer gemeinsamen Instrukzion" teilhaftig wer- den, sodaß alle auf demselben Wissenstand waren. Man hatte als Redner von "zehn bis zwölf" Vorträgen den "Baurath Dr.Vorherr" gewonnen, der für seine Bestrebungen, das Bausystem des Sonnenbaus ein- zuführen, bekannt geworden war. Dieses Bausystem zielte darauf ab, durch eine bessere Ausrichtung der Gebäude, gesündere Wohnungen und Aufenthalträume für den Menschen herbeizuführen. (3)
Wenn man sich die Themen der Vorlesungsreihe von Dr.Vorherr für die technischen Mitglieder der Baupoli- zei-Kommissionen genauer ansieht, will man mehr dazu wissen. Die Teilnahme an dieser Weiterbildung war nicht zwingend, jedoch empfahl sie sich für jedes Mitglied, damit eine vereinheitlichte Wahrnehmung der Verpflichtungen baupolizeilicher Aufgaben stattfin- den konnte. Es wäre gut, wenn sich die Vorlesungs- manuskripte noch aufspüren lassen, um sich zu den Vorträgen genaueres Wissen schaffen zu können. Denn diese Vortragsinhalte würden sehr viel dazu beitragen, kennenzulernen, was in der Biedermeierzeit an Moder- nisierung des Bauwesens versucht wurde.
Es sind zwölf Themen genannt, die abgehandelt wurden: - Die Aufgaben der Baupolizei im Allgemeinen sollten ausgebreitet werden, um daran außerdem zu zeigen, wie die Landesverschönerung zu verbessern war und durch Sonnenbau gesündere Verhältnisse durch das Bauwesen zustande kommen können. Vorherr wollte das an gebauten Beispielen verdeutlichen. Ihm standen Zeichnungen dieser Bauten und Baumodelle zur Ver- fügung. Auch nannte er hilfreiche Baumaschinen, die das Arbeiten auf Baustellen sinnvoller gestalten liessen. - Er legte ganz allgemein dar, wie zu dieser Zeit ver- einheitlichte Zeichnungen von Gebäuden und ihre La- gepläne zu gestalten waren, und wie die Bauaufnahme bestehender Gebäude zu bewerkstelligen sei. Auch behandelte er das Denkmalwesen und wie Denkmale im öffentlichen Raum zu behandeln sind. - Er sprach über die Durchführung von Kostenschätzun- gen von Baumaßnahmen. - Er informierte darüber, wie Blitzableiter aufzustellen sind. - Er informierte über Brandschutzmauern und ähnliche Zusammenhänge des Brandschutzes im Bauwesen. - Er informierte über den Straßenbau, die Straßenpfla- sterungen, und über generelle Unterhaltungsmaßnahmen von kommunalen Straßen. - Er zeigte auf, wie Uferbefestigungen von Bächen und Flüssen zu gestalten sind. Auch legte er dar, wie Däm- me angelegt werden müssen. - Er behandelte das Thema Brücken und Stege, sodann die Thematik unterirdischer Kanäle, Brunnen und Was- serleitungen. - Er erläuterte, wie Höfe und Gärten sinnvoll einzufrieden sind, so daß diese Einfriedungen auch gestalterisch befriedigten. - Er erklärte, wie man Gärten und Felder, sowie ganze Fluren von Dörfern zweckmäßig einteilt und dabei die Steuerkatasterpläne zugrunde legt. - Er führte aus, wie man einen sonn- und feiertäglichen Elementarunterricht im Zeichnen zu gestalten hat. (4)
Diese Weiterbildungsveranstaltung war offengehalten worden für "die Maurer- und Zimmermeister des Polizei- distriktes", außerdem konnten die Kurse durch beliebi- ge Architekten und die Schüler der "k.Baugewerks- schule" besucht werden. Man bot außerdem Besuche ausgeführter Bauten in München, um das damals ab- gelaufene aktuelle Baugeschehen kennenzulernen. Auch zeigte man Neuheiten durch Erleben der Praxis am Bau:
"Eben so wurde vor den versammelten Bauleuten die Bereitung der Zemente, worin München in neuester Zeit so große Fortschritte macht, praktisch dargestellt" (5)
Außerdem gab man
"sonstige Andeutungen über die, in unserer Zeit am häufigsten angeregten baulichen Einrichtungen, z.B. über Eisenbahnen und Betonstraßen"
auch wurde
"auf Verbesserung des Volks-Bauwesens und auf Lan- desverschönerung im Allgemeinen aufmerksam ge- macht." (6)
In Wien sah man in dieser Weiterbildungsveranstaltung ein gutes Beispiel, das in den anderen Regionen des Deutschen Bundes Nachahmung finden sollte. Ob pa- rallel dazu in den anderen deutschen Feudalstaaten und in den freien Städten ähnliche Weiterbildungen stattfanden, wäre herauszufinden. Auch ob solche Wei- terbildungen durch das Vorbild der Veranstaltung im Jahre 1836 in München anderswo angeregt wurden, ist eine offene Frage, die zu klären wäre.
Es erstaunte mich, daß man an den Entwickler der Idee vom Sonnenbau die Durchführung dieser Weiterbildungs- veranstaltung herangetragen hatte. Man wird also da- mals einen sehr hohen Wert auf den Sonnenbau des Dr.Vorherr und natürlich auch des B.C.Faust gelegt haben. Es dürfte sinnvoll sein, diesem Thema noch ergie- biger nachzugehen.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur und http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) siehe: S.64 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836 (2) siehe: Bericht über den Unterricht für Baupolizei- Kommissions-Mitglieder an der k.Baugewerksschule in München. S.63-64 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836. (3) siehe: Bericht über den Unterricht...., wie vor, S.63; außerdem: o.A.: Was ist unter Sonnenbau zu verstehen? S.26-29 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836; Karl-Ludwig Diehl: Über die Nutzung der Solar- energie in der Biedermeierzeit: B.C.Faust und G.Vor- herr propagieren den Sonnenbau im Deutschen Bund. Eingestellt als Diskussionsbeitrag am 6.5.2008 in: http://groups.google.com/group/de.sci.architektur (4) siehe: Bericht über den Unterricht..., wie vor, S.63 (5)-(6) zitiert aus: Bericht über den Unterricht..., wie vor, S.64
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