Hallo!
Schilderung vom (vorläufigen) Ergebnis: Der Verstärker funktioniert wieder. Eine und fast eine zweite Panne gab's auch. Und vorweg: bei der Menge an Aktionen, wie ich da gelötet, geschraubt und gebohrt habe, ist's erstaunlich, daß ich gar nicht so viel Klangqualität verloren habe ;-)
Die Panne: die 78xx-Längsregler mögen überhaupt keine negative Spannung am Eingang. Nicht mal ganz kurz und nur mit einem kleinen Funke. Das ist soweit bekannt, ich habe es experimentell bestätigt. Der 7815 war danach beleidigt. Wg. lächerlichen -30V! ;-)
Sämtliche Elkos auf den Endstufen sind getauscht. Statt der jeweils
1uF-Sieb-Elkos in den beiden Spannungen sind jetzt je ein 1uF-Kerko und ein 47uF-Elko-LowESR drin. Zufällig paßte mechanisch an den Hybrid zwischen die beiden Spannungen (+- 37,3V) ein Wima mit 0,1uF. Ob das jeweils einen Nutzen hat, weiß ich nicht. Schaden tut's nach den ersten Hörproben jedenfalls nicht. Beim Koppelkondensator (4,7uF) auf den Endstufen machte ich mir nach dem Bestellen Gedanken, denn ich hatte auf die Schnelle aus dem Reichelt-Angebot Panasonic Serie KS ausgewählt, die pro Stück 0,12EUR kosten. In einem US-Hifi-Forum las ich zu Koppelkondensatoren, daß Exemplare für US$260 (pro Stück) mit Titan-Sonstwas angemessen fürs Hörerlebnis seien. Oder so. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen ;-)
Die Hybride mit ihren (vermutlichen) Keramikplatten für die Kühlfläche habe ich natürlich abgeschraubt, die Kühlfläche auf dem Alu-Klotz mit
600er Schmiergelpapier etwas "geplant", eher poliert, und einen Batzen frische Wärmeleitpaste aufgetragen. Letzteres schien mir an dieser Stelle der wichtigste Teil zu sein.
Bei den großen Sieb-Elkos reichte es dann doch nicht für meine angestaubten Alt-Elkos wg. Platz. Stattdessen kaufte ich bei Reichelt vermutlich den Restbestand der JB-Elkos (10mF/63V) mit M8-Gewinde. Mit entscheidend für die Auswahl war der nicht vorhandene Hinweis im Datenblatt, daß das Gewinde einem Potential zugeordnet sei. Bei anderen stand dabei, daß das Gewinde an der Minus-Seite hängt. Ich wollte diese großen Elkos ans Bodenblech schrauben. Nach dem Messen an den realen Exemplaren war klar, daß ich eine nicht leitende Halterung bauen mußte. Und das natürlich mechanisch anders als geplant. "PVC, schlagzäh" war das Material der Wahl :-) Leicht zu sägen, leicht zu verformen und noch ein halber Quadratmeter vorhanden.
Diese großen Elkos lagen bei Reichelt wohl aus einer längst vergangenen Zeit noch im Regal. Jetzt sind sie ausverkauft. Ein ausführliches Datenblatt vom Hersteller fand ich dann doch nicht (mehr). Fürs Protokoll: Baureihe "JST" von JB. Die liefern zwar nicht so viel Strom (jeweils vermutlich 10A, wenn ich sie unter 55Grad halte) wie (fast :-) ) vergleichbare Netzteile von Accuphase (210A) oder NAD (80A) aus jener Zeit, aber es scheint auszureichen. Naja, wenn das 10A bei 35V sind, also spontane 350W-Impulse, dann wäre das nicht allzu schlecht :-)
Da so der Platz auf der Rotel-Netzteilplatine frei war, konnte ich dort ein paar kleinere Elkos einbauen. Statt der 6,8mF fand so je ein 1mF LowESR seinen neuen Platz. Daneben einer mit 10uF auch LowESR und auf der Unterseite noch je ein 100nF Kerko. Von dieser Stelle zweigt die Versorgung der 10mF-Elkos ab. Da mir geraten wurde die Spannung für die Endstufen etwas zu verringern, ist da jeweils eine fette Diode dazwischen, die im Leerlauf rund 0,5V "frißt". Auch fand sich bei den Dioden noch ein Plätzchen für ein bißchen mehr Kapazität: ein
0,1uF/250V-Wima für die rund 75VDC.
Die Hilfsspannungen werden von vier Längsreglern erzeugt. Damit die nicht zuviel Störungen durchlassen, hängen die hinter einer Diode und einem Widerstand und haben davor noch einen kleinen Elko, dazu natürlich die obligatorischen beiden 100nF pro Längsregler.
Ein Geheimnis des Rotel-Verstärkers ist (für mich) gelüftet: mitten im Gerät gibt es auf dem Gehäuseboden festgelötet einen zentralen Massepunkt. An dieser Stelle kommen von (fast) allen einzelnen Modulen die Masseverbindungen an. Lediglich die separate Platine vom Phonovorverstärker führt ihre Masse mit dem Signal über die Vorverstärkerplatine. Es gibt nirgends eine Schleife oder völlig verworrene Masseleitungen über die zentrale Platine wie bei japanischen Großserienverstärkern. Diesen Aspekt mit dem Massepunkt habe ich etwas optimiert, denn die beiden großen Sieb-Elkos hängen mit sehr kurzer Verbindung in 1,5mm Kupferdraht dort dran. Die beiden Endstufen hängen jetzt mit dickeren und kürzeren Litzen als zuvor direkt an diesen Elkos.
Es gibt derzeit nur einen Aspekt, dem ich nachgehen werde: zwischen der Masse meiner Hilfsspannungserzeugung und dem zentralen Punkt sagt mir mein Metex-Multimeter, daß es eine Differenz von 0,1mV gäbe. Das ist der kleinste darstellbare Wert der 200mV-Anzeige. Aber beim Phono-Vorverstärker soll es eine Differenz von 0,3mV geben. Hm, im Signalweg sind wohl aus gutem Grund mehrere Koppelkondensatoren eingebaut. Ich werde dazu wohl noch mein Oszi befragen.
Zum Stromverbrauch: die ursprünglich gemeldeten 30W bei Leerlauf sind zuviel, denn das bessere Meßgerät war beim Kühlschrank, und das benutzte Billigteil kommt mit einer solchen Last nicht so gut zurecht. Es sind
25W. Und die erkenne ich als 15W für die Hilfsspannungen sowie insbesondere den Verlust im Trafo, denn der wird deutlich handwarm schon im Leerlauf. Die weiteren 10W verbraten die Endstufen spürbar am handwarmen Kühlkörper ohne Ausgangsleistung zu generieren.
Fazit: Der Restaurierungsaufwand hat sich eher nicht rentiert, wenn ich die gesamte Zeit trotz des relativ geringen Bauteileaufwands (rund
30EUR) rechne. Ich wäre stattdessen besser (m)einer Erwerbstätigkeit nachgegangen und hätte einen neuen Verstärker gekauft, z.B. betragsweise "leicht" aufgerundet einen NAD im klassischen Design. Aber ich habe gelernt :-) Einerseits Analoges, andrerseits einen Punkt, weswegen solch ein Rotel-Verstärker gegenüber den japanischen Mittelklasseverstärkern der 1980er Jahren die Nase vorne hatte, denn ich habe nebenbei begonnen den reparaturbedürftigen Kenwood KA-550D zu beschnuppern und sah die Unterschiede. Weiterhin habe ich geübt, wenn ich in (naher) Zukunft meinen damals 1986 neu gekauften NAD 3155 überholen werde, denn auch dessen Kondensatoren sind über 35Jahre alt.
Aber! Jetzt steht hier ein Relikt aus dem Jahr 1980 mit einem damals extrem angesagten 8-fach "Graphic Equalizer", den man (zum Glück) abschalten kann. Mit nicht abschaltbarer Poser-Optik! ;-)
Noch was zu den Elko-Tests: die beiden zuvor eingebauten 6,8mF-Elkos hatten beim Ausbau 2,51 und 2,59mF. Die Leckströme unterscheiden sich spürbar.
Die 470uF-Elkos aus der Schutzschaltung hatten 228, 205 und 212uF, der
33uF-Elko noch 17uF. Der axiale unbenutzte, aber lange gelagerte
4,7mF/63V-Elko mit Aufdruck "W-GERMANY" ist nach kurzem Formieren mit
30V mit 3,2mF dabei. Die anderen 15Stück werde ich geeignet Formieren. Es könnte sich rentieren :-)
Wg. Audioquellen zum Testen: derzeit in der Mediathek von 3sat das "Us and Them"-Konzert von Roger Waters aus dem Jahr 2016 (2,9GB bei der hohen Bildauflösung). Ich bin erstaunt von der Qualität einer Fernsehsendung von einem Konzertmitschnitt. Dasselbe gilt auch für die Mitschnitte der Heimatsound-Festivals aus Oberammergau. Von dort empfehlenswert sind die Mitschnitte vom Herbert Pixner Projekt und von Dreiviertelblut (beides subjektiv :-) ). Falls noch vorhanden.
Die Tonqualität von diesem Rotel-Verstärker beschreibe ich so, daß die räumliche Auflösung unerwartet gut kommt und Feinheiten, wie z.B. das leise Ts-ts-ts-ts vom Schlagzeug im Hintergrund von Kate Bush bei Don't Give up von Peter Gabriel's So sehr naturgetreu rüberkommt. Dieser Teil ist also gelungen. Auch wenn ich die vielen Kondensatoren nach Bauchgefühl, Platzangebot und teils Vorhandensein in der Krabbelkiste ergänzt habe, können die nicht völlig falsch sein, IMHO :-)
Gruß, Ralf