Ich kann das Thoretische nicht beurteilen. Die evaneszenten Moden sind ja
> theoretische imaginäre Grössen, andererseits weiss ich aus der komplexen
> Rechnung in der Elektrotechnik, dass anders als in der Mechanik,
> imaginäre Grössen meist auch physikalisch existieren.
Vier Jahrzehnte lang benutze ich als Elektrotechniker die komplexe Rechnung, und auch in der Akustik, die ja zur Mechanik gehört, wende ich sie in gleicher Weise an.
Was ist in der Elektrotechnik anders? Ich sehe zunächst die wohl aus gutem Grund besondere Sorgfalt mit der man hier der großen Zahl jener klarmacht, die man in die Anwendung der komplexen Rechnung in der inder Elektrotechniker einführen muss, dass nach der Hintransformation ins Komplexe und der komplexen Rechnung am Ende stets auch wieder eine Rücktransformation erfolgen muss. Leider kenne ich kein Buch und keinen Lehrenden, der dabei den eigentlich recht plausiblen Hintergrund von Heavisides Trick erklärt.
Grundsätzlich existieren imaginäre Größen physikalisch nicht. Wenn man beispielsweise der Spannung einen entgegen der Uhrzeigerrichtung rotierenden Zeiger zuordnet, dann bedeutet dies, dass man von einem Paar gegenläufig rotierender Zeiger, welche die physikalische Größe Spannung korrekt beschreiben würden, den in Uhrzeigerrichtung rotierenden willkürlich wegläßt. Bei der Rücktransformation muss man ihn dann wieder hinzufügen. Die imaginären Komponenten sind also gewissermaßen durch eine fiktive Aufspaltung aus dem Nichts gezaubert und verschwinden wieder, wenn man zur Realität zurückkehrt.
Dafür dass sie ausgerechnet den in "mathematisch" negativem Sinne rotierenden Zeiger weglassen, haben sich die Elektrotechniker im Interesse günstiger Definition der komplexen Leistung entschieden. Die Mechanik rechnet weiterhin ebenso willkürlich mit dem entgegengesetzten Vorzeichen des Imaginärteils im Kern der Fouriertransformation.
Eigentlich sollte man genauer der _komplexen_ Fouriertransformation schreiben, denn mittlerweile fand ich heraus, dass für eine nackte Frequenzanalyse die im Bereich ausschließlich positiver Argumente definierte reellwertige Fourier-Cosinus-Transformation (FCT) ausreicht. Stets positive Argumente sind der Radius und auch die verstrichene Zeit.
Im Gegensatz zur nackten Frequenzanalyse liefert die übliche komplexe für alle in der Realität ja stets unilateralen Signale ein Ergebnis mit Hermitischer Symmetrie. Deutlicher gesagt: Das in Betrag und Phase als Funktion positiver und negativer Frequenz ausgewiesene Resultat ist redundant. Darauf beruhen die erwähnte Willkür der Vorzeichenwahl und beispielsweise auch die Akausalität sogenannter idealer Filter.
Wer gedankenlos die übliche Praxis übernimmt, über die Zeit penetrant von minus unendlich bis plus unendlich zu integrieren, sollte sich eigentlch wundern wieso dies sinnvoll ist. Schließlich lässt sich ja die Zukunft nicht generell antizipieren. Tatsächlich rechnet man statt mit der noch nicht existenten Zukunft einer Idee von Heaviside folgend mit je einem geraden und einem ungeraden Spiegelbild der Vergangenheit.
Soviel zu komplexen Zeitfunktionen. Wenn man komplexen und auch imaginären Größen in der Elektrotechnik eine physikalische Bedeutung zuschreibt meint man meist ruhende Zeiger, die man sich aus den rotierenden Halbheiten dadurch entstanden vorstellen kann, dass nun der die Rotation beschreibende Faktor exp(+ oder - j omega t) fehlt. Beispielsweise kürzen sich die Halbheiten ja heraus, wenn man die Impedanz berechnet, also die Spannung durch den Strom dividiert. Das Ergebnis ist immer noch komplex aber nicht mehr rücktransformierbar.
Das Ergebnis der Multiplikation eines reellen Stroms mit einer rellen Spannung im Komplexen macht man sich zweckmäßig in der Exponentialform klar. Bezeichnen a und b die jeweils mit der imaginären Einheit j multiplizierten Argumente (Phase + omega t), so lautet das Produkt: exp(a+b)+exp(-a-b) +exp(a-b)+exp(b-a)=2 cos(j(a+b)) + 2 cos(j(a-b)) Der erste cos-Terme pulsiert mit doppelter Frequenz, der zweite ist konstant. Beide sind reell.
Es verbleibt also nur die Frage, wie ist beispielsweise eine komplexe Impedanz physikalisch zu deuten? Das Vorzeichen des Imaginärteils ist hier zwar noch von jener Willkür geprägt, die bereits im üblichen bilateralen Zeitbegriff steckt und die Willkür der Vorzeichenwahl bei der Fouriertransformation nach sich zieht. In der Elektrotechnik gelten jedoch einprägsam: Differentiation entspricht einer Multiplikation mit j omega, Integration der Division durch j omega. Man nutzt die Eigenschaft der sinusoidalen Funktion bei der Differentiation und ihrer Umkehr lediglich verschoben und mit einem konstanten Faktor multipliziert zu werden. Neue Wellen entstehen dadurch also nicht.
Dass evaneszente Wellen zwar anschaulich darstellbar aber dennoch immer nur fiktiv sind erkennt man schon daran, dass sie nie unabhängig von propagierenden vorkommen. Dies ist offenbar in der Kausalität begründet. Zeitlich rückwärts propagierende Wellen gibt es in der Realität ja nicht.
Eckard Blumschein