Auswertung der Aufsätze zu den im 19.Jahrhundert er richteten Bauwerken: der Bau einer Zuckerraffinerie im Wien der Biedermeierzeit

Auswertung der Aufsätze zu den im 19.Jahrhundert errichteten Bauwerken: der Bau einer Zuckerraffinerie im Wien der Biedermeierzeit

Die industrielle Entwicklung hatte sehr früh großen Einfluß auf das Bauwesen ausgeübt, das andererseits neuartige Bauanlagen zum Aufbau brachte, die wiederum der Ent- wicklung der Industrie sehr förderlich waren. Damit einher ging eine Sinngebung in der Baukunst, die Rücksicht auf den neuen mächtigen Wirtschaftszweig der Industrie nahm und "prototype Formen" nicht nur für Industriebauten, son- dern auch für die Produkte der industriellen Produktions- weise entwickelte. Man war auch darauf aus, der Fachwelt nahezulegen, sich mit den Themen Industriebau und Indu- strieprodukt zu beschäftigen, da die Industrie immer grös- sere Bedeutung annahm.
"Deßwegen darf es dem Baubeflissenen nicht entgehen, daß es lohnend und ehrend für ihn sei, auf Alles zu achten, was die Zeit im Industriellen zu Tage gefördert hat und täg- lich erzeugt, weil er daraus kennen lernen wird, ob ein Be- triebszweig seiner Ausbildung nahe oder ferne liegt, ob demnach auf die Veränderlichkeit der Disposizionen im In- neren eines Gebäudes Rücksicht genommen werden müs- se, und welche Oekonomie in Verwendung der Geldmittel für den Bau des Hauses, im Vergleiche zu den Einrich- tungs- und Betriebskosten des anzulegenden Geschäftes und zu dem wahrscheinlichen Erträgnisse desselben, zu beobachten sei." (1)
Die offene Frage war damals, wieviel Geld für die Gestal- tung der Architektur des Gebäudes bleibt, wenn gleichzei- tig sehr hohe Finanzmittel in die Ausstattung des Indu- striegebäudes mit Maschinen zu stecken waren. Denn in diesem Spannungsfeld zwischen der Idee vom reinen Zweckbau für die Industrie und der offenen Frage, welche Architektur für solche Gebäude zu wählen war, ging es darum, was der architektonische Ausdruck eines Indu- striegebäudes zu sein habe. Dem Architekten ist somit die Aufgabe gegeben,
"in jenen Betriebszweig speziell einzugehen, wofür er bau- en soll, um das Programm zu seinem Entwurfe selbst zu bilden, oder wenn ihm solches vorgelegt wird, es gehörig zu beleuchten und zu ergänzen." (2)
Für eine Zuckerfabrik in Wien hatte Ludwig Förster den Planungs- und Bauauftrag erhalten, die so groß war, daß "darin jährlich mindestens 30,000 Zentner Raffinade oder 300,000 Zuckerbrode" hergestellt werden konnten. Außer- dem sollten "im Inneren stets jene Veränderungen" mög- lich sein, die für eine Optimierung und Steigerung der Pro- duktion notwendig sind. Außerdem müsse die Möglich- keit einer Umnutzung des Gebäudes vorgesehen sein, falls sich das Raffinieren von Zucker nicht mehr rentiere. Zur Größe des Fabrikgebäudes wird gesagt, das Gebäu- de sei
"auf einen Platz von 24 Klafter Breite und 40 Klafter Länge so zu stellen, daß es ringsherum von den benachbarten Gründen und Gebäuden hinlänglich entfernt sei, um mit Wagen herbeifahren zu können, und daß dem Gebäude Licht und freie Luft für alle Fälle gesichert bleibe" (3)
Zur Gestaltung der Architektur hatte der Auftraggeber vor- gegeben, daß
"das Aeußere bloß aus den nothwendigen Mauermassen und den Fenster- und Thüröffnungen ohne Verblendung ent- wickelt und dennoch architektonisch so ausgestattet wer- de, um gegen die benachbarten städtischen und freundli- chen Wohnhäuser keinen unangenehmen Kontrast zu bil- den." (4)
Die Größe des Gebäudes war also vorgegeben. Die Archi- tekturgestalt sollte einerseits funktional gehalten sein, aber zur Nachbarschaft hin einen halbwegs freundlichen Eindruck erwecken. Der Architekt selbst sah sich dazu aufgefordert, die Ausdrucksform zu finden, die einem In- dustriegebäude zusteht. An Vorbildern könnte es noch gemangelt haben.
Aus dem Lageplan geht hervor, daß das "Raffinerie Gebäu- de" am Ende eines schmalen und tiefen Grundstückes ge- baut wurde. Eingangs auf das Betriebsgelände lag links und rechts ein Wohnhaus, symmetrisch angeordnet. Da- zwischen war ein hoher Zaun mit einem Tor. Den tiefen Hof begleiteten links und rechts vermutlich baugleiche Schuppen. Am Ende dieses Hofes erhob sich in der Mitte das riesige Fabrikgebäude. Es wurde mit der Schmalseite zum Hof ausgerichtet und reichte in die Tiefe des Grund- stückes hinein. Es stand als Gebäude rundum frei mit ei- nem größeren Abstand zur Grundstücksgrenze, der etwas geringer war als das Ausmaß der Schmalseite des Ge- bäudes.
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Wien_Raffinerie_1 (Lageplan)
Zwischen den beiderseits liegenden Enden der Schuppen und der Schmalseite des Fabrikgebäudes war jeweils ein breiter Durchlaß. Rechts kam man zu einer breiten Ram- pe, die bis vor die Mitte des Untergeschoßes der Raffinerie hinabführte und danach als Rampe wieder anstieg, was es erlaubte, mit Fahrzeugen bis vor ein großes Tor zu fah- ren, um danach wieder auf das Erdgeschoßniveau hinauf- fahren und um das Fabrikgebäude herumfahren zu können.
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Wien_Raffinerie_2 (Seitenansicht mit Rampe, usw.)
Durch dieses mittig liegende Tor und die Rampe ergab sich für die Seitenansicht die Möglichkeit der Gestaltung einer monumentalen Fassade, die sehr symmetrisch an- gelegt wurde. Zwischen zwei Seitenrisaliten, deren Ecken von hohen Wandpfeilern hervorgehoben sind, die sich auf einem hohen Sockelgeschoß erheben, ist der Mitteltrakt des Fabrikgebäudes eingespannt. Er ist durch sechs mo- numentale Wandpfeiler, die über vier Fabrikgeschoße rei- chen in fünf vertikale Fassadenabschnitte gegliedert. Durch das mittig liegende Tor im Untergeschoß, zu dem hin die beiden Rampen von links und rechts abfallen, er- gibt sich eine Betonung des mittleren Abschnittes der Fassade dieses Gebäudetraktes. Dieses Tor ist zusam- men mit dem großen Segmentbogenfenster darüber zu einem monumentalen Bogenelement zusammengefaßt worden, das zwischen den Postamenten der Wandpfei- ler eingelagert ist. Diese Sockel der Wandpfeiler ziehen sich hier über zwei Geschosse, das Untergeschoß und das Erdgeschoß. Die benachbarten beiden Wandflächen zwischen den Postamenten der Wandpfeiler sind ähnlich gehalten, nur daß kein Tor in die unteren Wandflächen eingelassen ist. Die ansteigenden Rampen schneiden jeweils ein Stück Wandfläche des Untergeschoßes ab. Jedoch haben alle diese eingestellten Bogenelemente große Bogenfenster in der Erdgeschoßzone erhalten. Die Wandflächen der Seitenrisalite sind jedoch wie hohe und geschlossene Sockel des Gebäudes aufgefaßt. Das Abschlußgesims dieser Sockel der Seitenrisalite zieht sich um das gesamte Fabrikgebäude herum. Da- durch kommt auch ein Abschluß der Wandfläche von Untergeschoß und Erdgeschoß des Mitteltraktes zustan- de, der es zuläßt, diesen unteren Wandflächenbereich als Sockelgeschoß zu lesen, über dem sich die hohen ein- gebauten Wandpfeiler des Mitteltraktes erheben.
Da die Wandflächen der Obergeschoße der Seitenrisalite bis unter das Dach zwischen den hohen Wandpfeilern ge- schlossen sind, ist der Mitteltrakt mit seinen von drei Fenstern pro Geschoß durchbrochenen Backsteinflächen zwischen den monumentalen Wandpfeilern imposant ge- rahmt. Als Architrav liegt ein sehr breites Gesimsband über den monumentalen Wandpfeilern und zieht sich um das ganze Gebäude herum. In einem ausgewogenen Rhythmus sind quadratische Fenster zwischen schma- len senkrechten Bändern in dieses Band eingelassen. Sie liegen zu Dreiergruppen geordnet über den Wand- flächen des Mitteltraktes, zum Paar geordnet mittig über den Wandflächen der Seitenrisalite. Dazwischengeschal- tet wurden quadratische Flächen, die als geschlossene Flächen durch senkrechte Bänder von den Fensterflächen abgetrennt wurden, aber den Gliederungsrhythmus in die- sem Architrav weiterführen sollen. Über diesem Wandab- schlußgesims oder Architrav erhebt sich das riesige Walm- dach der Fabrik, das am First zu den Schmalseiten hin durch ein Wandstück angeschnitten ist. Der Sinn ergibt sich erst bei Betrachtung der schmaleren Fassaden des Fabrikgebäudes und bei Auswertung der Grundrisse. Hier wurden Lüftungsschächte über das Dach der Fabrik ge- führt.
Die schmalen Seitenfassaden der Fabrik, also die breiten Fassadenflächen der Seitenrisalite, sind ähnlich gehalten wie die Fassaden des Mitteltraktes. Durch die monumen- talen vier Wandpfeiler entsteht eine vertikale Dreigliede- rung der Fassade. Die äußeren Wandpfeiler wurden etwas breiter gehalten. Über dem Ergeschoß zieht sich das Sockelabschlußgesims, sodaß sich die Backsteinwand- flächen zwischen den Postamenten der Wandpfeiler mit ihren großen Segmentbogenfenstern als Sockelgeschoß lesen lassen. Darüber erheben sich die Backsteinfassa- den zwischen den Wandpfeilern mit ihren drei nebenein- ander liegenden Fensteröffnungen, die als horizontales Band über jedes der vier Obergeschoße der Fabrik gezo- gen sind. Auch hierüber liegt als Architrav über den Wand- pfeilern ein breites Band, das in quadratische Felder un- terteilt ist, die von schmalen vertikalen Streifen getrennt sind. In diese quadratischen Wandflächen sind hier jeweils drei Fenster so angeordnet, daß sie über den Fenstern der Geschoße darunter liegen. Die hohen Wandpfeiler er- hielten Basis und Kapitell. Sie erzeugen zusammen mit den monumentalen Sockeln den Eindruck einer Fassade, die deutlichen Bezug zur Antike und zur Renaissance nehmen soll. Der Fabrikbau ist also als eine Variante klas- sizistischer Architektur anzusehen.
Die schmale Seite des Satteldaches ist angeschnitten. Hier liegt breit gelagert eine Mauer, die in ihrer Breite und Höhe Bezug nimmt zu den mittleren Wandpfeilern und der Höhe des Architravbandes über den Wandpfei- lern.
An die linke lange Fassade ist ein Schornstein, mittig ge- stellt, so angebaut, daß er über dem Dampfkesselhaus steht, welches vor die Fassade gestellt wurde.
Vom Hof kommend erlebt man als Hauptfassade die eine Schmalseite der Fabrik mit ihrer vertikal dreigeteilten Fassade. Mittig ist in der Sockelzone der Fassadenarchi- tektur eine große Bogenöffnung eingelassen, die als Ein- gangstor mit Oberlicht in Segmentbogenform gehalten ist. Linkerhand sieht man den hohen Schornstein, der zu einer Fabrik des 19.Jahrhunderts gehört. Der ruhige und ausgewogene Gesamteindruck der Architektur des Fabrikgebäudes dürfte Ausdruck der Biedermeierzeit sein. Die kleinen Fenster in den Backsteinfläche der Fas- sade zwischen den riesigen Wandpfeilern haben Seg- mentbögen mit sehr geringer Stichhöhe erhalten, sodaß sie fast für scheitrechte Bögen gehalten werden können. das macht sie unauffällig und gliedert sie harmonisch in die Fassadenflächen ein.
Anhand der Grundrisse lassen sich die Arbeitsabläufe in der Fabrik erläutern.
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Wien_Raffinerie_3 (Grundriße, Schnitt)
In Fässern kam der Rohzucker aus Kolonialgebieten nach Wien. Es war damals üblich, aus den Magazinen "des Mauthamtes" nur so viel Rohzucker zu holen, wie zur Ver- arbeitung gebraucht wurde. Man hatte dadurch keine La- gerplätze in der Raffinerie zu schaffen. Neben dem "Kolo- nial-Rohzucker" brachte man "Runkelrüben-Rohzucker" in die Fabrik. Der Kolonial-Rohzucker wurde mit einem Auf- zug ins fünfte Geschoß der Fabrik gebracht, gemäß Vor- schrift, getrennt vom Runkelrüben-Rohzucker gelagert, "dort aus den Fässern ausgeleert und von den Zollbeam- ten mit Kohle vermengt". Warum er mit Kohle vermengt wurde, ist nicht erklärt. Beide Zuckerarten ließ man "durch Oeffnungen im Fußboden" in das Geschoß darunter ab, wo sich "Klärpfannen" befanden:
"Der Zweck der Klärpfannen ist, den Farbestoff und die Schleimtheile, so wie die Säuren und den Ueberschuß an Kalk, aus dem Rohzucker, durch Auflösung desselben in Wasser und durch Kochen, zu entfernen, indem man sich dabei bisweilen eines Zusatzes von Kalkmilch bedient, auch Ochsenblut und Knochenkohle, oder andere Surro- gate für diese Materien zusetzt." (5)
Die "Kochapparate", also die Klärpfannen, bekamen heiße Dämpfe über Dampfleitungsrohre zugeführt, die das Was- ser zu erhitzen hatten, in dem der Rohzucker aufgearbei- tet wurde. Wasser und heißer Dampf war also in reichli- chen Mengen in dieses Geschoß zu bringen. Auch die Kalkmilch, usw. war nach oben zu schaffen. Nach diesem Arbeitsvorgang im vierten Geschoß kam der in den Klär- pfannen aufgelöste Zucker in das Geschoß darunter, eben- falls "durch Oeffnungen im Fußboden". Er kam dann im dritten Geschoß in die "Filtrirkästen",
"welche zum Zwecke haben, das Klärsel oder den zu rei- nigenden, im Wasser aufgelösten Zucker so lange durch- zulassen, bis er ganz klar abläuft." (6)
Der kohlige Schlamm, der beim Filtrieren anfällt, wurde ge- sammelt, in einem Gefäß ausgekocht und in einen Filtrier- kasten gegeben, durch den eine Flüssigkeit gewonnen wur- de, mit der sich Rohzucker auflösen ließ. War die bei die- sem Filtervorgang übrig gebliebene Kohle nicht mehr brauchbar zum Filtern des aufgelösten Zuckers in der dritten Etage, wurde er fortgeschafft und war noch als Dün- ger auf den Feldern brauchbar. Diesen Abfallstoff lagerte man im Hof, bis er zu den Bauern kam. Das Reinigen des kohligen Schlammes wurde nicht in der dritten Etage vor- genommen, sondern in einem anderen Gebäude.
Das in der dritten Etage gewonnene "Klärsel" des Roh- zuckers gelangte durch die Filter "in Vorrathsbehälter", aus denen es in "Abdampfapparate" abfloß. Diese Appara- te standen im zweiten Geschoß.
"Der Abdampfapparat erfordert /.../ einen abgeschlossenen Raum, welcher sich in der Nähe der Dampferzeuger befin- den muß, weil dieser Apparat sehr viele Dämpfe konsu- mirt. Es soll nämlich in dieser Raffinerie das Abdampfen des Klärsels im luftleeren Raume vorgenommen werden, da in solchem das Abdampfen am schnellsten von Stat- ten geht, und andere ökonomische und technische Vor- theile damit erzielt werden." (7)
Man erzeugte durch Kondensieren der Dämpfe ein Vaku- um. Dazu war ein "Kondensazions-Apparat" erforderlich, der außerhalb des Gebäudes aufgestellt war. Auch die Dampferzeugung wurde außerhalb des Raffinerie-Gebäu- des in zwei Dampfkesseln vorgenommen. Durch das Ab- dampfen im "Abdampfapparat" entstand ein eingedicktes Klärsel, das noch warm in Kühlpfannen kam, aus denen es im "Füllhaus" in die Formen gegossen wird.
"Zum Füllen der Formen ist ein eigener Raum, das Füll- haus genannt, erforderlich, in welchem eine Temperatur von circa 30° R. festgehalten werden muß, damit der Zucker in den Formen nicht zu schnell abkühle und die Formazion der Krystalle nicht gestört werde." (8)
Ist der Zucker in den Formen kristallisiert, was am Einsin- ken der Kruste erkennbar ist, wurde er auf Trockenböden gebracht.
"Dieß soll in diesem Gebäude mittelst eines Paternoster- Aufzuges bewirkt werden" (9)
Zu den Trockenböden wird gesagt:
"Die Luft in den Trockenböden muß im Winter auf eine ununterbrochene Wärme von 16 bis 20° R. gebracht wer- den, an heißen Sommertagen aber muß, wenn sich diese Wärme erhöht, die nöthige Abkühlung durch Oeffnen der Fenster bei Nacht bewirkt werden." (10)
Es gibt auch Angaben zur Bauhöhe der Trockenböden:
"Die Etagenhöhe der Trockenböden soll 8 Fuß nicht über- schreiten." (11)
Die Zuckerformen stellte man auf Gestelle aus Holz, und zwar so, daß der "abträufelnde Syrup in Rinnen fällt", über die er in Auffangbehältern zusammenläuft. Nach dem Ab- träufeln des Syrups wird der Zucker mit Ton "abgedeckt", was einen Reinigungsprozeß auslöst.
"Für den zum Decken bestimmten Zuckersyrub müssen auf jedem Boden eigene Gefäße aufgestellt werden, und der Inhalt derselben soll jene Temperatur erhalten können, welche die Zuckerbrode selbst haben, daher auf Dampf- leitung zu diesen Gefäßen Rücksicht genommen werden muß. Der Thon wird vor dem Gebrauche in einem Trog aus Bohlen gereinigt /.../, was so oft wiederholt wird, bis das Wasser ohne erdigen Geruch und rein abfließt." (12)
Das Decken des Zuckers geschieht so:
"man gießt, wenn der Syrub größtentheils abgelaufen ist, entweder konzentrirten Zuckersyrub in die Formen, oder man bedeckt dieselben mit Thon." (13)
In dieser Fabrik wurde offensichtlich mit gereinigtem Ton der Zucker gedeckt. Der Reinigungsprozeß des Tones fand im Keller statt. Von dort kam er nach oben. Nach seiner Verwendung kam er zurück in den Keller. Dorthin kamen auch die Formen, wenn der Zucker darin zu Broten geformt worden war und aus ihnen entnommen wurde. Nach der Entnahme wurden die Brote zum Trocknen auf Matten aufgestellt. So vorgetrocknet kamen die Zucker- brote schließlich in die Darre:
"Die Darre soll mit sämmtlichen Trockenböden in Verbin- dung stehen, damit die Brode ohne Umweg hineingetra- gen und auf die in diesem thurmartigen Gemache aufge- stellt werden können." (14)
In der Darre trockneten die Brote bei 30-40° über einen Zeitraum von etwa acht Tagen. Es wurden in der Wiener Zuckerraffinerie zwei Trockenkammer benötigt, um die große Produktionsmenge unterbringen zu können. Da- nach gelangten die Zuckerbrote in einen gesonderten Raum, wo sie auf mit Tüchern bedeckten Tischen abge- stellt und in Papier eingepackt wurden.
Auch Kandiszucker konnte in der Fabrik hergestellt wer- den, wozu es Schaukelpfannen im Erdgeschoß des Fa- brikgebäudes gab.
Eine genaue Auswertung der Grundrisse ist nicht möglich, da die Buchstaben in den abgedruckten Plänen kaum les- bar sind, die mit den Angaben im beschreibenden Text im Zusammenhang stehen. Man scheint jedoch hauptsäch- lich von oben nach unten produziert zu haben, da immer Flüssigkeiten aus einem Geschoß in das darunter befind- liche abzufließen hatten, bis daraus Zuckerbrote wurden. Die Darren für die Brote befanden sich im Erdgeschoß. Transporte in der Vertikalen wurden mit Aufzügen und Paternostern gemacht. Durch Dampfleitungen transpor- tierte man Dampf, über Wasserleitungen kam das Was- ser. Flüssigkeiten wurden durch Röhren abgelassen. Man müßte die Originalpläne auswerten, um die weiteren Einzelheiten verstehen zu können. Zu den Grundrissen ist formuliert:
"Aus sämmtlichen Grundrissen geht hervor, daß das gan- ze Gebäude regelmäßig in 21 Quadratfelder, jedes von 9 Quadratklafter Flächenraum eingetheilt wurde, um eine Menge von Räumen zu erhalten, die sich nach Willkür ver- einen und abtheilen lassen" (15)
Es war also alles darauf abgestellt, je nach Bedarf die Räume leicht umnutzen zu können. Zur Baukonstruktion finden sich Hinweise:
"Aus den Grundrissen und Fasaden wird ersichtlich, daß für die Hauptmauern ein Pfeilersystem entwickelt wurde, welches der Oekonomie und Solidität entspricht, zugleich aber auch die hauptsächlichste Dekorazion des Aeußeren ausmacht. Die Wände zwischen den Pfeilern wurden nur einen Stein stark aufgemauert, damit, im Falle das Ge- bäude mit der Zeit eine andere Bestimmung erhalten soll- te, diese Wände aufgelöst, und durch anderen Zwecken entsprechende Mauern und Fensteröffnungen ersetzt wer- den könnten." (16)
Man war also auf alle Eventualitäten gefaßt und sah da- rauf, daß dieses Gebäude auch in Zukunft vielen Zwecken dienen konnte. Unter den Grundrissen findet sich nur ei- ner der identischen Obergeschosse abgedruckt. Aus den Schnitten wird erkenntlich, daß es neben den eingewölb- ten Räumen des Unter- und Erdgeschoßes fünf Oberge- schoße gab, über dem sich noch das Dachgeschoß be- fand. Die Obergeschoße hatten Balkendecken erhalten, die längs gerichtet auf dicken Querträgerbalken auflagen. Mit den Backsteinen, die beim Bau der Fabrik verwendet werden mußten, war der Architekt sehr unzufrieden. Ihr Aussehen und ihre Druckfestigkeit liessen zu wünschen übrig, was dazu führte, die Fabrikmauern mit etwas größe- rer Dicke aufmauern zu müssen. Voller Neid verglich der Architekt deshalb seinen Bau mit den Fabrikbauten in anderen Ländern und Regionen, wo mit besseren Back- steinen schlankere Wände aufgemauert werden konnten.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur und http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) zitiert aus: o.A.: Ueber den Bau der Zuckerraffinerie des Herrn D.Zinner in Wien; entworfen und ausgeführt von Ludwig Förster. S.3-9 und Zeichnungen auf CCLIV-CCLVIII in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1839. S.3 (2)-(4) siehe Zitate im größeren Zusammenhang in: o.A., wie vor, S.3 (5)-(6) zitiert aus: o.A., wie vor, S.4 (7)-(11) zitiert aus: o.A., wie vor, S.5 (12) zitiert aus: o.A., wie vor, S.5f. (13) zitiert aus: o.A., wie vor, S.4 (14)-(15) zitiert aus: o.A., wie vor, S.6 (16) zitiert aus: o.A., wie vor, S.9
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