Biedermeierzeit: ein ganz früher Durchlauferhitzer

Hallo allerseits,
wen es interessiert: ein ganz früher Durchlauferhitzer. Hier nicht: ---------------------------------------------------------------
http://de.wikipedia.org/wiki/Durchlauferhitzer --------------------------------------------------------------- sondern weiter unten. Grüße K.L.
Das Badezimmer in der Biedermeierzeit: Lassaulx richtet zwei Bäder in einem Bürgerhospital in Koblenz ein
In Koblenz arbeitete in der Biedermeierzeit ein Baumeister, der die Stelle eines Bauinspektors inne hatte. Dieser Bau- meister Lassaulx fiel durch allerlei Veröffentlichungen auf, in denen er Erfindungen und Verbesserungen vorstellte. Er war auf eine Textstelle im Dictionnaire technologique ge- stoßen, durch die auf die "sinnreiche Heizmaschine" des Kupferschmieds Bizet in Paris hingewiesen wird. Dieser hatte seine Vorrichtung bereits genutzt, damit aufgeheiztes Wasser für Badewannen zur Verfügung stand. Daraufhin machte sich Lassaulx daran, im Bürgerhospital in Koblenz eine Beheizungsanlage für das Wasser zweier Badewan- nen einzurichten. Über Rohrleitungen war dadurch war- mes Badewasser für Badewannen in zwei Badezimmern verfügbar geworden. Eine solche Einrichtung war sicherlich zu dieser Zeit eine große Neuerung. (1)
http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Koblenz_Badezimmer (Grundriß, Details)
Zur Auswertung stehen uns ein Grundriß und ein Schnitt der nebeneinander liegenden Baderäume, sowie Detail- zeichnungen der Beheizungsanlage zur Verfügung.
Lassaulx weist darauf hin, daß "der eigentliche Erfinder" dieser Heizmaschine, also der Kupferschmied Bizet, sie bereits mehrmals für einzelne Bäder angewendet hat,
"wo die Anlage ungleich wohlfeiler ist, indem hier der Was- serkasten, so wie die Schließhähne, unnöthig sind, und für die Heizmaschine ein Durchmesser von 8 Zoll im Lich- ten völlig hinreichend befunden wurde" (2)
Bevor ihm diese Erfindung von Bizet bekannt war, hatte Lassaulx in seinem Haus bereits eine Beheizungsanlage für sein Badewasser eingerichtet. All dies wirft Fragen auf, wie damals gebadet wurde und welche Vorrichtungen geschaffen worden waren, damit warmes Wasser zum Baden in Badewannen zur Verfügung stand. Doch beschäf- tigen wir uns hier nur mit den Baderäumen im Bürgerhospi- tal in Koblenz. Die damalige Installation ist ausführlich be- schrieben worden, damit die Zeichnungen verständlich wer- den:
"In einem Zimmer des obern Stocks in der Nähe der Kran- kensäle, und etwa 4 Fuß über dem Fußboden, steht ein hölzerner, mit gewalztem Blei ausgeschlagener Wasser- behälter A, Blatt LXII Fig.1 (im Grundriß, welcher durch die Steigröhre B einer im unteren Stock befindlichen Pumpe gefüllt wird." (3)
Man hat also zunächst mit Hilfe einer Pumpe das kalte Wasser in das Obergeschoß gepumpt. Es floß in einen Wasserbehälter aus Holz, der mit Blei ausgeschlagen war. Dieses Wasser konnte in die Badewannen abgelassen werden. Der Wasserbehälter speiste auch eine Entnahme- stelle im Flur des oberen Stockwerkes. Wer Wasser be- nötigte, konnte sich hier Wasser entnehmen. Lassaulx formuliert zu dem Wasserbehälter:
"Er hat zwei Hähne C und D; durchs Oeffnen des erstern und mittelst einer vorgelegten Rinne kann sowohl die kup- ferne Badewanne E, als auch eine zweite F in dem anstos- senden Zimmer, Fig.2, durch den in der Zwischenwand ein- gemauerten Trichter G gefüllt werden. Der andere Hahn D steht über einem Wasserstein auf dem Flur vor beiden Zim- mern, damit das für den Bedarf der Bewohner des obern Stocks erforderliche Wasser hier abgezapft werden kann, und nicht aus dem untern Stock heraufgetragen werden muß, wodurch die Reinlichkeit der Treppe und Gänge mehr oder weniger leidet." (4)
Es ist sinnvoll, sich diesen Umstand bewußt zu machen. Im ersten Zimmer in der linken Ecke stand erhöht dieser mit Blei ausgeschlagene Holzkasten, dem mit einer Was- serpumpe aus dem Geschoß darunter Wasser zugeführt wurde. Von einem Wasserhahn, der keine Rohrverbindung zu den Badewannen hatte, ließ man Wasser über eine Rinne, die vermutlich angehängt wurde, in die Badewanne in demselben Raum ablaufen, die an der anderen Wand stand. In der Nähe dieser Badewanne befand sich in der Wand ein Trichter, in den ebenfalls Wasser eingelassen werden konnte. Es floß aus dem Trichter in einem Rohr in die Badewanne des benachbarten Bades. Damit das möglich war, mußte ebenfalls eine Rinne zwischen dem Wasserbehälter und diesem Trichter angelegt werden. Ein direkter Zufluß bestand nur zu der Wasserentnahme- stelle im Flur. Bevor diese Wasserentnahme möglich wur- de, mußten alle Personen, die im oberen Geschoß Was- ser benötigten, nach unten laufen. Dadurch waren zuvor viele Unannehmlichkeiten vorgefallen, die nun reduziert waren.
Da das Hinaufpumpen des Wassers in den Wasserkasten im Obergeschoß auch zum Überlaufen führen konnte, hat- te Lassaulx einen Überlauf eingerichtet. Dies ist so be- schrieben:
"Die offene Röhre H steht etwas unter dem obern Rand des Wasserbehälters, und verhütet das Ueberlaufen desselben; sie führt in die Ablaufröhre J des Wassersteines auf dem Gange, und diese, wie jene KK der Badewannen, nach dem Trichter L einer außerhalb des Gebäudes angebrach- ten Ableitungsröhre." (5)
Wenn man sich das im Grundriß ansieht, sieht man drei Rohre, die aus den Badezimmern zu einem Wasserab- lauf außerhalb des Gebäudes hinstreben. Das sagt erst einmal, daß der Wasserablauf besser organisiert wurde als der Zulauf.
Nun zur "Heizmaschine" selbst. Um es vorweg zu nehmen, es ist ein Durchlauferhitzer. Das in die Badewanne einge- lassene Wasser fließt durch ein unteres Rohr in die Heiz- maschine, wird dort erwärmt, und fließt durch eine oberes Rohr in die Wanne zurück. Die Beschreibung aus der Bie- dermeierzeit ist so gehalten:
"Zur Erwärmung der Bäder dient die Heizmaschine M, Fig. 1 und 3, 4, 5 in der Ecke des ersten Zimmers. Sie be- steht aus einem kupfernen birnförmigen Feuerbehälter N, Fig. 4 und 5, welcher offen und mit einem Rost O versehen ist; er endigt oben in einer Röhre P aus Eisenblech, wel- che den Rauch in eine benachbarte Schornsteinröhre ab- führt. An der Seite dieser Röhre befindet sich ein mit ei- nem Deckel versehener Arm Q zum Einbringen der Kohlen. Der zwischen dem Feuerkasten N und dem Mantel R, von gleichem Metall und Form, bleibende Raum S steht mit- telst den angelötheten kupfernen Röhren T T mit beiden Badewannen in Verbindung, von denen die eine oder die andere durch Schließung der Hähne V V V V von der Heiz- maschine abgeschlossen werden kann. Ist nun die Bade- wanne gefüllt und sind die Hähne geöffnet, so füllt sich je- ner Zwischenraum S in der Heizmaschine natürlich eben- falls mit Wasser, alsdann erst darf, aus begreiflichen Gründen, das Feuer angezündet werden, was durch einen unter den Rost gehaltenen brennenden Span, oder einige Papierschnitzel geschieht. Das Wasser zwischen dem Feuerbehälter und Mantel wird nun erwärmt, hierdurch spe- zifisch leichter, strömt mithin durch die obere Röhre in die Wanne, und ersetzt sich sofort durch die untere: es ent- steht also ein Kreislauf, der so lange durch Nachfüllen von Kohlen unterhalten wird, bis das Badwasser den gewünsch- ten Wärmegrad erhalten hat." (6)
Man muß also zunächst das Wasser in die Badewannen einlassen, die zum Baden genutzt werden sollen, dann wird der Ofen zum Heizen vorbereitet und die Hähne der Zirkulationsleitung des Wassers werden geöffnet. Dann wird der Ofen angezündet und durch die Hitze des Feuers erwärmt sich ein Wasserspeicher, der um diese Hitze- quelle angeordnet ist. Nun setzt sich durch die Erwärmung des Wassers der Kreislauf in Bewegung. Sobald das Was- ser in der Badewanne die gewünschte Temperatur hat, wird kein Brennmaterial mehr in den Ofen gegeben und das Feuer verliert an Kraft und geht schließlich aus.
Es stellt sich die Frage, wie man damals bei einer solchen Anlage das Badezimmer zu organisieren hatte. Lassaulx schreibt:
"Die Heizmaschine steht auf einer Steinplatte, damit die auf ein untergestelltes Blech fallende Asche den Fußbo- den nicht schädigen kann. Da der Rost in der Heizmaschi- ne etwas von dem Fußboden entfernt, auch die obere hori- zontale Röhre etwas tiefer als der Wasserstand in der Wanne liegen muß, so wurde jede Wanne auf eine kleine Erhöhung W gestellt, die zugleich die Abflußröhren K K bedeckt und gegen Beschädigungen schützt, dabei etwas breit ist, damit die Krankenwärter darauf stehen können, um schwache Kranke bequem in und aus dem Bad zu he- ben." (7)
Man hat also den Ofen auf einer Steinplatte positioniert, damit die Brandgefahr reduziert ist, wenn Asche vielleicht noch mit Glut auf ein Blech aus dem Ofen abgelassen wird.
Außerdem erzwangen die Rohrleitungen zwischen Durch- lauferhitzer und Wanne einen etwas erhöhten Standort der Badewannen, da das obere Rohr "etwas tiefer als der Was- serstand in der Wanne" liegen mußte.
Da Kranke in diesen Badewannen gebadet wurden, war die Plattform, auf der die Wanne stand, ausreichend breit zu machen, damit das Pflegepersonal die Patienten in das Wasser ablassen und relativ sicher aus dem Bad heben konnte.
Damals wurde auch geduscht. Es ist so dargestellt:
"Sollen Duschbäder gegeben werden, so geschieht dieß mit einer kleinen Druckpumpe, welche in die Wanne ge- stellt, an dieselbe befestigt und von den Kranken, oder den Wärtern in Bewegung gesetzt wird, außerdem auch zugleich als Handfeuerspritze benutzt werden kann." (8)
Man pumpte also das warme Badewasser in der Wanne mit Hilfe einer Handpumpe zu einem Duscharm, sodaß der Patient leicht von allen Seiten abgeduscht werden konnte. Leider fehlt eine Abbildung.
Lassaulx schildert weitere Beheizungsarten des Bade- wassers, die aber hier nicht abgehandelt werden sollen, da es nur um den Durchlauferhitzer im Bürgerhospital in Kob- lenz gehen soll.
Es hatte mich etwas überrascht, bereits in der Biedermeier- zeit einen Durchlauferhitzer anzutreffen. Dieser scheint von dem Kupferschmied Bizet erfunden worden zu sein. Man wird dem genauer nachgehen müssen.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/baugeschichte zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) siehe: Lassaulx: Beschreibung der Badeanstalt in dem Bürgerhospital zu Koblenz. S.273-275 und Zeichnungen auf Blatt LXII in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836; da- zu die Textstelle bei Lassaulx: "Ich lernte diese sinnreiche Heizmaschine durch das Dictionnaire technologique Tome II. p.430 kennen". (Lassaulx, S.274) (2) siehe Zitat im Zusammenhang in: Lassaulx, wie vor, S.274 (3)-(6) zitiert aus: Lassaulx, wie vor, S.273 (7) zitiert aus: Lassaulx, wie vor, S.273f. (8) zitiert aus: Lassaulx, wie vor, S.274
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Karl-Ludwig Diehl schrieb:

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Das ist entsprechend der verlinkten Definition in Wikipedia eben gerade _kein_ Durchlauferhitzer, sondern eher allenfalls ein Warmwasserbereiter.
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Rolf Sonofthies

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Da steht: "nimmt der Durchlauferhitzer erst dann seine Tätigkeit auf, wenn das heiße Wasser benötigt wird"
Das war in Koblenz der Fall. Wasser wurde eingelassen, der Ofen ange- heizt, wenn das erhitzte Wasser fließen sollte. Es zirkulierte dann, bis die Temperatur erreicht war. Vielleicht ist es eine Mischform zwischen Warmwasserbereiter und Durchlauferhitzer.
Man müßte das genauer ausführen, was Du meinst, an Unterschieden herausgelesen zu haben. Wiki ist mir zu ungenau. Aber Du kannst Dich ja versuchen, es herauszuarbeiten. Mehr historisches Wissen dazu scheint mir sowieso angebracht.
K.L.
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