Forschung in der Biedermeierzeit: die Geschichte der Wasserleitungen

Forschung in der Biedermeierzeit: die Geschichte der Wasserleitungen
Wasser zu leiten, geht auf viele Arten und Weisen. Es
wird wohl davon abhängen, zu welchem Zwecke das Wasser gelenkt wird. Geht es um Trinkwasser, das durch Leitungen gelenkt wird, muß man nach den Ideen unterscheiden, also für wen das Trinkwasser bestimmt ist. Es kann für den Genuß von Pflanzen, Tieren und Menschen an den Ort des Konsums gebracht werden. Die Ansprüche an die Qualität des Wassers können sehr verschieden sein. Aber es geht bei Wasserleitun- gen nicht immer um Trinkwasserleitung, sondern es gibt auch Wasserleitungen, die dem Verkehr auf dem Wasser dienen oder der Energiegewinnung, die aus der Kraft des Wassers gezogen werden kann. Es kann auch der Kühlung, usw. dienen.
Wasser wurde und wird in offenen oder geschlossenen Wasserleitungen transportiert. Es läßt sich durch Lei- tungen pumpen, oder es fließt aufgrund der Wirkung der Schwerkraft durch Leitungen abwärts. Wasser läßt sich auch pressen, um den Druck, der dann in Wasserlei- tungen vorhanden ist, auszunutzen. Auch die Kapillar- wirkung läßt sich wirksam machen. Wasserleitungen können zu einem weit verzweigten Netz ausgebildet wer- den. Das Thema Wasserleitung, so wird deutlich, ist ein weites Feld.
Es dürfte nicht verkehrt sein, den Begriff der Leitung ge- nauer zu diskutieren.
Die aufsteigende Feuchtigkeit, die als Dunst zur Wolken- bildung führt, die sich irgendwo abregnen, gelangt durch den Regen oder den Tau auf die Erde zurück. Ein Teil davon wird durch Pflanzen im Boden festgehalten, ein anderer Teil sickert in den Boden ein oder fließt weitge- hend als Oberflächenwasser ab. Es bilden sich dadurch natürliche Wasserleitungen heraus, die unterirdisch oder oberirdisch verlaufen. Das unterirdische Wasser quillt an manchen Stellen aus der Erde aus und formt zusam- men mit dem abfließenden Oberflächenwasser Rinnsale, danach Bäche und Flüsse. Es kommt dabei auch zur Wasserspeicherung, die unterirdisch oder über der Erd- oberfläche erfolgt. In Pflanzen steigt das lebenswichtige Wasser durch Wasserleitungssysteme auf. In Tier und Mensch zirkuliert das Wasser nach Wasseraufnahme durch Essen und Trinken. Es wird auch wieder ausge- schieden.
Die natürliche Wasserleitung haben die Menschen im Verlaufe der Kulturentwicklung um eine künstliche Was- serleitung ergänzt. Sie hatten die Natur als Vorbild, und sie diente zur Anregung für intelligente und gut erfundene Wasserleitungen. Es entstand eine Wasserbaukunst, welche zu kunstvollen Wasserleitungsbauten führte. Wenn Mensch und Natur als Gegensatz in der Sprache dastehen, lassen sich seine von ihm geschaffenen Was- serleitungen als künstlich bezeichnen. Sieht sich der Mensch als Teil der Natur, sind seine Wasserleitungs- bauten natürliche Wasserleitungen.
Wollte man eine "Geschichte der Wasserleitungen" ver- fassen, würde sich das Thema also sehr auffächern, aber zu einer Darstellung führen, die sehr interessant sein muß. Solche Geschichtsschreibungen sind schon versucht worden. Sie kranken an ihrer Einseitigkeit und Unvollständigkeit. Ein Beispiel dazu fand sich aus der Biedermeierzeit. Der Titel des Aufsatzes lautet:
"Kurzer Abriß der Geschichte der Wasserleitungen, mit Beifügung der Abbildung einiger in Frankreich aus- geführten Brunnen neuerer Zeit" (1)
Das Motiv des Autors, der ungenannt blieb, als der Text im Jahre 1836 veröffentlicht wurde, läßt sich rasch aufspüren. Es ist ihm bewußt, daß Wasserleitungen einen wichtigen Bestandteil der menschlichen Kulturent- wicklung darstellen, folglich muß auch eine geschicht- liche Darstellung dieser Kulturleistung von Wert sein, um den Überblick zu behalten, denn:
"Unter allen Bedürfnissen des Lebens ist wohl keines, welches zu allen Zeiten und an allen Orten so drin- gend gefühlt wird, als das fortwährende Dasein der zum physischen Leben unentbehrlichen Menge an fri- schem, insbesondere trinkbarem Wasser." (2)
Diese Daseinsvorsorge der unentbehrlichen Wasser- menge geschieht durch den Wasserleitungsbau:
"Es ist dieß eine Hauptbedingung, welche bei der An- lage menschlicher Wohnorte, besonders der Städte, jederzeit in Erwägung gezogen wird, und wodurch die- selbe sogar größtentheils motiviert worden ist." (3)
Das eigentliche Motiv für seinen geschichtlichen Ab- riß ist es jedoch, seinen Aufsätzen über das Brun- nenwesen einen Text vorzuschalten, in der die Ge- schichte der Wasserleitungen dargestellt ist. Das "Brunnenwesen" scheint ihm kulturell sehr hoch zu stehen:
"Die zum öffentlichen Gebrauche erbauten allgemei- nen Brunnen sind Gegenstände, welche einer archi- tektonischen Ausbildung nie ermangeln sollten, in- dem sie, wie jedes öffentliche Bauwerk, den Ge- schmack und den Sinn für Veredlung des öffentlichen Lebens nicht nur ihrer Baumeister, sondern auch de- rer, die den Bau angeregt haben, vor Augen stellt." (4)
Das Brunnenwesen mache eine eigene Wissen- schaft aus und führe zu kunstvollen Bauanlagen, die ein bemerkenswertes Licht auf die gestalterischen Fähigkeiten des Menschen werfen würden. Da es sich lohne, diese Baukunst in Aufsätzen zu behandeln, müsse zuvor das Wasserleitungswesen abgehandelt werden:
"Diesen Abhandlungen soll /../ ein kurzer Abriß der Geschichte der Wasserleitungen vorausgehen" (5)
Es wurde also deutlich, was bei dem Autor zu dem Versuch führte, einen "Abriß der Geschichte der Wasserleitungen" zu wagen. Nun muß es darum gehen, herauszuarbeiten, auf welche Beispiele er seinen Abriß eingegrenzt hat und in welcher ge- schichtlichen Verknüpfung er seine Beispiele ge- braucht, da ja nur so der Wert seiner Arbeit ausge- lotet werden kann. Er beginnt mit einem Rundum- schlag:
"Schon im frühesten Alterthume setzten Herrscher und Nazionen ihren größten Ruhm darein, dieses unentbehrliche Lebenselement den Hauptstädten und wichtigeren Ortschaften ihrer Länder in reichli- cherem Maße zu verschaffen, wenn auch dieses bei den damaligen Kenntnissen nur durch höchst mühselige und kostspielige Bauten möglich gemacht werden konnte." (6)
Der Satz suggeriert eine breite Kenntnis des Autors von Wasserleitungsbauten überall auf der Welt. Anderseits bespricht er "mühselige und kostspielige Bauten", was eine Reduktion darstellen muß, denn man darf sich sicher sein, daß es sehr einfache und viele kostengünstige Wasserleitungsanlagen gegeben hat. Die scheinen ihm aber wenig Wert gehabt zu haben, denn er breitet danach ein Wis- sen aus, das zu "Aquadukten" geht, die ihm offen- sichtlich "höchst mühselige und kostspielige Bau- ten" sind:
"Von keiner Gebäudegattung des Alterthums hat man demnach so viele und großartige Reste aufzu- weisen, als von solchen Aquadukten." (7)
Ein "Aquadukt" ist aber eigentlich vom Wort her nur eine Wasserleitung. Das Wort sagt nichts darüber aus, ob seine Herstellung kostenlos, kostengünstig oder kostspielig war. Was er damit meint, ist aber dies:
"Die älteste der Wasserleitungen, deren die römische Geschichte gedenkt, ist die sogenannte Aqua Appia, erbaut von Appius Claudius /.../; dieser folgte die so- genannte alte Leitung des Anio, die Aqua Marcia, Aqua Tepula, Aqua Julia, und endlich die Aqua Vir- gio. /.../." (8)
Die Geschichte der Wasserleitungen ist also redu- ziert auf wenige Beispiele. Er führt Aquädukte der Römerzeit an, die anderen sind ihm der Darstellung nicht wert, die parallel dazu oder davor weltweit existierten. Er lobt die kunstvollen Bauten der Römer und will Staunen machen ob der Länge der Wasser- leitungen:
"Die totale Länge dieser neun Wasserleitungen be- trug nach Frontin an 57 deutsche Meilen; drei Vier- tel dieser Länge bestanden aus unterirdischen Ka- nälen, das übrige aber aus Arkaden, welche manch- mal eine Höhe von 17 Wiener Klaftern erreichten." (9)
Auch würdigt er die ungeheure Wassermenge, die in den Leitungen zu den Verbrauchern floß, dann aber kritisiert er die Römer, die solche Wasserbau- ten schufen:
"So prachtvoll und so großartig aber auch diese an- tiken Konstrukzionen sein mochten, so zeigt doch eben die Kostspieligkeit und Mühseligkeit ihrer Er- richtung von großer Unvollkommenheit der hydrau- lischen Kenntnisse zu diesen Zeiten, und man hielt es durchaus für nothwendig, das Wasser vom er- sten Ursprunge der Leitung an mit einer Neigung beständig abwärts zu führen. Erst späteren Zeit war es vorbehalten, die Gesetze des Gleichgewichts und der Bewegung der Flüssigkeiten besser zu ergründen, bis denn die Gelehrten neuerer Zeiten, wie Galilei, welcher die Schwere der Luft entdeckte; Torricelli, der, auf diese Erfindung gestützt, die Lehre von den Pumpen und vom Barometer begrün- dete; Stevin, der das Gesetz des hydrostatischen Gleichgewichts ersann; Pascal, der diese Grund- sätze auf die Bewegung der Flüssigkeiten übertrug; Mariotte, der die Zusammenziehung des Strahls beim Ausfluß aus Oeffnungen entdeckte, diese Gesetze immer mehr vervollkommneten. Auch bis auf unsere Zeit hat man sich mit diesem Gegen- stande beschäftigt; wir nennen nur Dubuat, Cou- lomb, Girard, und in neuesten Zeiten Prony." (10)
Dieser Textabschnitt wurde deshalb exzerpiert, um deutlich zu machen, welche Hinweise der Autor streut, um seinem kurzen "Abriß der Geschichte der Wasserleitungen" mehr Inhalt zu geben. Er trug einiges zusammen, um ein Assoziationsfeld zu schaffen. Es sind Beispiele, die einige Hinwei- se geben, welche aber viel zu wenig aussagen wollen. Sie verweisen undeutlich auf eine wissen- schaftliche Forschungsentwicklung, die den Was- serleitungsbau voranbrachte. Global gesehen, sind es nur sehr einseitig ausgesuchte Beispiele. Sie wurden rasch abgehandelt und danach durch Beispiele kunstvoller Einrichtungen ergänzt, die denen aus der Antike folgen. Im französischen Mit- telalter schuf man ausgedehnte Wasserleitungen zur Zeit der Herrschaft von Philipp August, um Paris mit Wasser zu versorgen. Das geschah seit 1180 bis 1223. Unter Heinrich IV. schuf man eine "erste hydraulische Maschine", um Wasser aus der Seine in eine Wasserleitung zu heben. Im Jahre 1670, so der Autor, habe man "das Pumpwerk von Notre- Dame" gebaut. Versailles sei unter Ludwig XIV. mit Wasserbaukunst hohen Niveaus ausgestattet wor- den. Ein Literaturhinweis wird dazu genannt, eines Werkes, das in Paris 1829 erschien. Es ist anzu- nehmen, daß diesem Werke wesentliche Ge- schichtskenntnisse des Wasserbaus entsprangen, die der Autor anführt. Neben französischen Bei- spielen werden excellente Wasserbauten der Neu- zeit in Italien angeführt. Sie dürften weitgehend zeitgleich mit den französischen Beispielen ausge- führt worden sein. Auch deutsche und österreichi- sche Wasserbaukünste sind angeführt, die wohl alle "Gerstner's Mechanik" entnommen sind, die der Autor nennt. Man gelangt zusammen mit diesen Beispielen in eine Zeit, als bereits Dampfmaschinen zur Hebung und zur Verteilung des Wassers in Wasserleitungen eingesetzt wurden. Das wird ex- plizit durch diesen Textabschnitt deutlich:
"In London, Glasgow, Edimburgh, Philadelphia be- stehen ganze Systeme von Wasserleitungen, welche sich alle der Dampfmaschinen, die das Heben des Wassers mit großer Sicherheit, Leichtigkeit und ohne viele Kosten verrichten, bedienen." (11)
Zu Beginn des 19.Jahrhunderts entfaltete sich also eine moderne Wasserbautechnik mit einem Was- serleitungswesen, bei dem der Einsatz der Dampf- maschinen einen wichtigen Stellenwert einnahm. Die Wirkung der Dampfkraft erzwang zugleich Was- serleitungen ganz anderer Haltbarkeit, wenn Was- ser durch Rohre geleitet wurde. Dazu wird jedoch so gut wie nichts in dem "Abriß der Geschichte der Wasserleitungen" ausgeführt. Man kann es nur er- ahnen, daß es stattgefunden haben muß.
Der Abriß ist also höchst unvollständig und ver- liert sich in Andeutungen. Umso wichtiger wird es sein, das Thema zu verfolgen, um zu einer breit ausgebauten Geschichte der Wasserleitungen zu gelangen. Man darf annehmen, daß es dazu nicht an Abhandlungen mangelt. Es wird also notwendig sein, den Wert dieser Abhandlungen zu untersu- chen, den sie für eine Darstellung der globalen Ent- wicklung des Wasserleitungsbaus haben. Dieser kleine Text aus der Biedermeierzeit kann demnach für einen Einstieg in das Thema als sehr nützlich angesehen werden. Denn er deutet Forschungsfel- der an, in denen weitergesucht werden kann. Man kann sich sicher sein, durch ihre Auswertung auf viele weitere Forschungsfelder zu stoßen, welche weiteres Material bieten, um eine Geschichte der Wasserleitungen ergänzen und ausbauen zu können.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in http://groups.google.com/group/de.sci.architektur zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen: (1) o.A.: Kurzer Abriß der Geschichte der Wasserlei- tungen, mit Beifügung der Abbildung einiger in Frank- reich ausgeführten Brunnen neuerer Zeit. S.435-438 in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836 (2)-(7) zitiert aus: o.A., wie vor, S.435 (8) zitiert aus: o.A., wie vor, S.435f. (9)-(10) zitiert aus: o.A., wie vor, S.436 (11) zitiert aus: o.A., wie vor, S.437
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Ein wichtiger Schlüssel darin dürfte auch die Erfindung des Stoßhebers sein.
Gruß,
Ralf
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Interessant zu wissen, daß diese Erfindung in dem Beitrag von 1836 ausgelassen wurde, denn dazu las ich eben:
"Die erste selbsttätige Widderpumpe wurde 1796 von dem Franzosen Joseph Michel Montgolfier erfunden. Das erste amerikanische Patent wurde 1809 an J. Cerneau und S.S. Hallet erteilt." aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Hydraulischer_Widder
Beide Erfindungen lagen deutlich nahe an dem Jahr 1836. Andererseits: es war ein Abriß ver- sucht worden. Mehr dazu ist aufzuspüren.
Danke für den Hinweis. K.L.
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Karl-Ludwig Diehl wrote:

Zu der Zeit gab es auch noch nicht die Begriffsbestimmungen z.B. nach DIN 4049-3;-)

Sicherlich etwas simplifizierend dargestellt. Dieser Kreislauf kann in die unterschiedlichsten Stoffkreisläufe aufgeteilt werden und zählt zu den komplexesten Kreisläufen überhaupt, die zudem auch nur partiell wohl verstanden sind.

Gerade weil jede Kultur, jedes Land und fast jede Stadt eine eigene Geschichte der Wasserversorgung hat, kann eine solche Untersuchung nur einen großen Bogen anhand von Einzelbeispielen spannen. Der Wasserleitungsbau der Mayas und Inkas war wohl nicht weniger eindrucksvoll als der der Römer.

Nun ja, die öffentlichen Brunnen waren sozusagen der krönende Abschluss von zum Teil erheblichen Bemühungen, Wasser heranzuschaffen. So gesehen sind Prunkbauten geradezu ein Muss für jeden Herrscher gewesen. Und es ist nicht gerade witzig, dass gerade in der heutiger Zeit, das Thema Wasserzuleitung/Wasserversorgung wieder an enormer Brisanz und auch politischer Sprengkraft gewinnt. Es wird nicht lange dauern, dann werden sich z.B. in Spanien Politiker damit brüsten, die ärgsten Wassernotstände gemildert zu haben, wenn es ihnen denn überhaupt gelingt, solche Vorhaben durchzusetzen, ohne dass in anderen Gegenden das Wasser abgegraben wird. In Italien wachsen ähnliche Problem, dito in Griechenland, Die Türkei hat im wahrsten Sinne vorgebaut und gräbt durch Staudammprojekte seinen Nachbarn buchstäblich das Wasser ab. Die Wasserknappheit in Palästina, in denen fast ausschließlich Israel Rechte zum Brunnenbau vergibt, birgt genügend Sprengstoff und ausreichende Basis für Konflikte. BTW der Mauerbau zu Jerusalem erfolgte nicht rein zufällig entlang der wasserreichsten Brunnen. Mexiko City, früher eine Wasserstadt, saugt mit seinem Wasserbedarf das Umland leer, mit zum Teil katastrophalen ökologischen Folgen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen, wenn wir mal außerhalb unseres Wasserreichtums in Deutschland und Österreich blicken.

Die Wasseradern zu den großen Metropolen waren tatsächlich sehr kostspielig und mühselig. Allein der Wasserversorgung von Paris ist ein abenteuerliches Thema.

Er bezieht sich imho auf die römischen Aquaedukte und die waren tatsächlich grundsätzlich kostspielig. Tatsächlich waren dort die besten Baumeister ihrer Zeit zugange gewesen. Der Bau lag in den Händen der höchsten Verwaltungen und Militärs.

Hier liegt der Autor eindeutig falsch, denn schon die Römer beherrschten das Prinzip der Doppelkolbendruckpumpen, die jedoch durch Menschen- oder Tierkraft betrieben wurden. Ich empfehle die CD mit Animation "Vindobonda II - Wassertechnik des antiken Wiens" vom Wiener Museum. Wenn es dich interessiert, kann ich sie dir auch leihweise zur Verfügung stellen.
Er sieht die Leistung der Altvorderen mit der Augen seiner Zeit, in welcher die Industrialisierung furios durch technische Errungenschaften beflügelt wurde und unterschätzt hierbei die Leistungen der Antike.
Aus meiner Sicht, sind die römischen Aquaedukte nicht nur in der Frage der Energieeffizienz unseren Wasserleitungen haushoch überlegen, eben weil sie ohne Druckpumpen ausgekommen sind und die Rohrleitungssysteme weitestgehend drucklos gefahren wurden (es gab jedoch sehr wohl Dükerleitungen), sondern auch im Hinblick auf Haltbarkeit und Wartungsintensität. In solch großzügig dimensionierten Leitungsquerschnitten konnte dann das Wasser ausgasen bzw. überschüssigen Kalk absondern. Das Wasser, welches dann durch Verteilsysteme an den Endverbraucher gelangte, war dadurch im Kalk-Kohlensäuregleichgewicht. Um dieses zu erreichen, muss das Wasser heute recht umständlich über Kalkmilchzugabe oder Filtration über entsprechende Granulate eingestellt werden. Das Gleichgewicht ist heutzutage u.a. wichtig zum Schutz der Rohrleitungen vor Korrosion. Und auch für die Römer war es wichtig, dass kein aggressives Wasser durch die Bleileitungen in den Verteilersträngen kommt. Ihnen war die sehr wohl bewusst, dass Bleiverrohrungen gesundheitliche Schäden hervorrufen können.
Diese Verteilsysteme aus Blei besaßen standardisierte Leitungsquerschnitte in 25 Größen mit eiförmigem Rohrdurchmesser. Davon kamen hauptsächlich 15 Rohrdimensionen zum Einsatz. Der Querschnitt der Verteilerleitungen reichte von einem Durchsatz von ca. 40 cbm/Tag bis rund 4000 cbm/Tag.
Das Aquaedukt nach Wien konnte am Tag 4,3 Mio cbm Wasser ins römische Kastell und ins Umland transportieren. Das sind Wassermengen, die auch für heutige Zeiten nicht ganz ohne sind.
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Grüße
Harald
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begin quoting, Harald Maedl schrieb:

Bist Du Dir dessen so sicher (Belege?)? Kolbenpumpen sind nicht so besonders effizient - ich hätte unter den damaligen Bedingungen stets Archimedische Schrauben zum Wasserheben verwendet. (Aus dem gleichen Grund zweifle ich übrigens die Bedeutung des Hydraulischen Widders für die Öffentliche Wasserversorgung ganz schwer an - die Dinger sind eigentlich nur zur Feldbewässerung sinnvoll, wenn Wasser in flachen Gerinnen praktisch im Überfluß zur Verfügung steht, um es auf dem Feld zu verteilen. Dieses Wasser ist aber als Trinkwasser regelmäßig ungeeignet.)

Ohne es zu kennen: Ohne Quellenangaben ist das relativ wertlos.

Metall, zum Bau druckfester dauerbeständiger Leitungen unabdingbar, war bis in die Neuzeit so außerordentlich teuer, daß es vorstellbar ist, daß es tatsächlich günstiger war, ein steinernes Aquädukt zu errichten als eine "Pipeline" größeren Querschnitts zu verlegen. Aber technische Vorteile sehe ich eher nicht.
(Ein neueres, ebenfalls höchst imposantes hydraulisches Projekt: Der Bau der Odertalsperre mit dem Rehberger Graben im Harz als Energiequelle für die Bergbaubetriebe in Sankt Andreasberg - Hämmer, Bewetterung, Essen, Fahrkünste. Der Graben wurde geschickt der Topologie der Landschaft angepaßt und mit Steinplatten ausgekleidet und abgedeckt und ist immer noch in gutem Zustand wie auch die Staumauer selbst. Man muß sich klarmachen, daß die ökonomische Grundlage dieser Investition die außerordentlich wertvolle Erz- bzw. Metallausbeute des Bergbaus war, und das, obwohl die Förderleistung eines (damals übrigens vergleichsweise extrem gut bezahlten - die Betrachtung des Lebensstandards täuscht da sehr) Bergarbeiters im Vergleich zu heute extrem niedrig war (max. wenige Tonnen Gesteinsaushau pro Jahr, ein Volumen von unter einem Kubikmeter - nochmal: *Jahres*förderleistung; da kamen dann im Endeffekt nur wenige Kilogramm Metall bei heraus), und zu jedem "Hauer" gehörten dann noch ungefähr fünf Mann Produktionshelfer (Holzhauer - ein metallurgischer Betrieb verschlingt gigantische Holzmengen, Schmiede - ein Hauer verbrauchte täglich mehrere Metallmeißel, die dann neu geschmiedet werden mußten, Schlepper - das lose Gestein mußte mühselig aus dem Grubengebäude heraustransportiert werden, Zimmerleute und andere Gewerke sowie natürlich die üblichen "Zulieferer" - der Knappe mußte schließlich auch ernährt werden und hatte diverse Bedürfnisse). Metall war tatsächlich so extrem teuer: Das gesamte Mittelalter über entsprach ein "Pfennig" von ca. 2-3 g Silber (ein fingernagelgroßes Blechstückchen) dem Wert eines ganzen Schafs (heutiger Silberpreis ca. 350-400 EUR/kg), die anderen Metalle waren auch enstsprechend teuer.)

Das wäre nicht wesentlich anders gewesen, wenn einige Abschnitte von einigen hundert Metern Länge der insgesamt oft mehrere zehn Kilometer langen "Wasserleitungen" (<http://de.wikipedia.org/wiki/Eifelwasserleitung Gesamtlänge über hundert Kilometer) als Druckrohre ausgeführt worden wären.

Kannst Du das belegen? Aufgrund der nachgewiesenen Bleivergiftungen scheint ihnen das gerade nicht bewußt gewesen zu sein.

Eifelwasserleitung: 20.000 m^3/d - das sind über 200 l pro Sekunde!

Bei einem Strömungsquerschnitt von einem Quadratmeter wäre das eine Strömungsgeschwindigkeit von 50 m/s - hast Du da vielleicht Liter und Kubikmeter verwechselt?
Gruß aus Bremen Ralf
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Ralf Kusmierz wrote:

Ja, da bin ich sicher, z.B. http://www.deutsches-museum.de/sammlungen/maschinen/kraftmaschinen/wasserkraft/kolbenpumpen/doppelkolbenpumpe-um-300-nchr /. Es wurden afair insgesamt acht solcher Brunnenpumpanlagen gefunden. Kolben, Zylinder, Steigleitungen wurden aus Eichenholz herausgearbeitet, die mittels Blei und Leder abgedichtet wurden. Als Rückschlagventile für Druck- und Saugseite wurden beschwerte Lederlappen verwendet. Die durchschnittliche Förderhöhe betrug afair um die 20 mtr. Die Förderleistung betrug rund 100ltr/per 40 Doppelhübe. Windkessel waren ebenso bekannt. Ebenso gibt es Belege über das Feuerlöschwesen, wo ebenso solche Kolbenpumpen zum Einsatz gekommen sein sollen.

Die Bauwerke haben, wenn sie nicht bewusst zerstört worden sind, mehrere hundert Jahre gehalten. Und wenn ich mir das zum Teil marode Leitungssystem in Deutschland ansehe, dann möchte ich Zweifel anmelden. Von den Abwasserleitungen möchte ich erst gar nicht anfangen zu reden. Letztlich liegt in dem Unterhalt der Grund, warum Kommunen immer mehr zu privatisieren versuchen.

Interessante Infos, die ich mir mal näher anschauen werde.

Nun ja, sie haben halt den Effekt bekommen, ob sie ihn nun haben wollten oder nicht.

Vitruv: "De Architectura, VI 10-11)("Zehn Bücher über Architektur") "Leitungen aus Tonröhren haben folgende Vorteile: Erstens, wenn irgendein Schaden an der Leitung eintritt, kann jeder ihn ausbessern. Auch ist Wasser aus Tonröhren gesünder als das durch Bleiröhren geleitete, denn das Blei scheint deshalb gesundheitsgefährlich zu sein, weil aus ihm Bleiweiß entsteht. Dies aber soll dem menschlichen Körper schädlich sein. Wenn nun das, was aus ihm entsteht, schädlich ist, kann es auch selbst zweifellos der Gesundheit nicht zuträglich sein... Daher scheint es ganz und gar nicht gut, daß man Wasser durch Bleiröhren leitet, wenn wir der Gesundheit zuträgliches Wasser haben wollen. Und daß der Geschmack des Wassers aus Tonröhren besser ist, kann schon die alltägliche Lebensgewohnheit zeigen, weil alle, auch wenn sie mit Silbergeschirr reich gedeckte Tische haben, dennoch Tongeschirr verwenden, weil bei seihnem Gebrauch der Geschmack nicht beeinträchtigt wird."

Moment, ich sprach von Verteilerleitung zum Endverbraucher und nicht von Fernleitungen

^^^^^ Muss heißen: 4,3 Mio ltr
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Grüße
Harald
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Die Eichenröhren müssen mal recht verbreitet gewesen sein, schätze ich, denn sie sind recht haltbar. In Wittenberg (Lutherstadt Wittenberg) war ich mal Ende der 90er, damals gruben sie in der Nähe des Cranachhauses gerade an den Wasserleitungen herum, und man konnte die Eichenröhren sehen. Die waren wohl schon jahrhundertealt, versorgten aber immer noch 1, 2 Häuser. Keine Ahnung, ob sie sie jetzt rausgerissen haben.
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begin quoting, Harald Maedl schrieb:

Das ist überzeugend.
Gruß aus Bremen Ralf
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Hm. Ist das belegbar? Einen Steinbruch zu betreiben, darin Steine zu gewinnen, die für den Aquäduktbau zu gebrauchen waren, war vielleicht alles andere als günstig im Vergleich zur Metallgewinnung und -bearbeitung. Man müßte nur wissen, ab wann. Im 18.Jahrhundert dürfte vielleicht schon das Metall leichter und in größeren Mengen zu gewinnen gewesen sein.
Aber wie im Vergleich sehen können? Mir fehlen derzeit solche Vergleichsmöglichkeiten. Literatur dazu wäre auszuwerten. K.L.
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begin quoting, Karl-Ludwig Diehl schrieb:

Die Produktivität läßt sich belegen.

Ich würde die Produktionsleistung eines Steinbrucharbeiters auf ca. 10-50 t im Jahr schätzen (woran sich dann natürlich noch Steinmetzarbeit und Transport anschlossen). Der Bergmann baute dagegen in dieser Zeit nur wenige Tonnen Gestein ab, aus denen maximal einige zehn Kilogramm Metall gewonnen werden konnten. Beim Steinbrechen hat es mit dem Behauen und Transport auch sein Bewenden - dem Erzabbau schließen sich aber noch relativ energieaufwendige (Brennholz bzw. Holzkohle) metallurgische Schritte an, zudem ist der Bergbau selbst extrem energieaufwendig (Schmiedefeuer, Lampenöl - das Bergwerk benötigt unvermeidlich künstliche Beleuchtung).
10 t behauene Steine am Bauplatz für den Bau im Tausch gegen ein Kilogramm Kupfer oder Blei könnte ein faires Geschäft gewesen sein. Zur Bewertung: Römische Legionäre waren bestimmt ganz anständig bezahlt und gegenüber der Landbevölkerung ziemlich "reich" - die Soldhöhe ist bekannt, der Wert der Münzen entsprach im wesentlichen dem Metallwert. Vermutlich war ein Kilogramm Kupfer in etwa ein Jahressold und dürfte nach heutigen Wertvorstellungen dann bei 50-100 TEuro anzusiedeln sein (was kriegt ein Bundeswehrsoldat im Kampfeinsatz im Ausland?).

Ab der Zeit verfiel der Metallpreis, der jahrtausendelang konstant hoch war, dann auch rapide. Und der Grund war natürlich die industrielle Produktion, vor allem nach der Erfindung der Dampfmaschine.

Dazu dürfte es reichlich Material geben. Lies doch mal de re metallica.
Gruß aus Bremen Ralf
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Vermutlich. Im Vergleich sind mir zwar schon Angaben in der Literatur begegnet, aber ich kann die Werte den Epochen nicht mehr zuordnen.

Das klingt anschaulich.

Sicher. Nur muß das tonnenschwere Zeug auch noch zur Baustelle. Aber egal. Die Rechnungen, die Du aufmachst werden sich wohl belegen lassen. Andererseits sind Aquädukte auch imposante Wasserbauten, mit denen Politiker damals viel mehr her- machen konnten, wenn sie sich ein Denkmal setzten, als durch eine Wasserleitung, die aus Metallröhren besteht und unterirdisch verläuft.
Zur Veränderung der Werte:

Ja. Wasserhebung war im Bergbau endlich besser möglich, usw.

Wenn ich Zeit finde, sicherlich. Ich bin ausgelastet. K.L.
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Als Exzerpt für eine Diskussion darf sie zitiert werden, wenn die genaue Stelle im Buch angegeben wird.

Das wird wohl so sein. Andererseits hilft es natürlich weiter, wenn bei solchen Aussagen immer auf die Literatur verweisen wird, die dazu anfangs den Denkinhalt beisteuerte, also von wo aus weitergedacht wurde. Es sei denn, Du rekurrierst ganz auf Dein eigens Denken, was ja nur zu loben ist.
Ich denke, dieses Netz aus natürlichen und künstlichen Wasserleitungen darf man ruhig genauer ausführen, auch schon deswegen, um immer neue Beispiele sammeln zu können und um in der Definitinssache, also was alles als Leitung verstanden werden kann, weiter- zukommen. Speicherung als Eis und die Aus- schöpfung alle Aggregatszustände, sowie die Beimischung mit anderen Substanzen und die späteren Trennungs- oder Verdünnungsvorgänge dürften in dem Kreislaufsystem sicher inter- essante Formen annehmen. Bleibt man zunächst bei den ganzen einfachen künstlichen Leitungen, ist das natürlich schon komplex genug.

Daß immer nur auf Beispiele verweisen werden kann, ist wohl das Schicksal der Belegkultur bei einer Geschichtsschreibung des Wasserleitungs- baus. Andererseits gibt es daneben die Sammlung, in die alles, verwertbar gehalten, eingehen kann. Da kann dann alles rein.

Der Witz ist, daß natürlich jede Ansiedlung und jedes Dorf oder jede Stadt auch bei Selbstverwaltung, also einer demokratischen Herrschaft, zu interessanten Wasserbauten gelangen kann. Der "Herrscher" sagt als Wort auch Patriarchat oder Matriarchat, o.ä. Die Sache gewinnt dadurch an mehr Gehalt.

Ich denke, dieser Vorgang findet schon seit einiger Zeit statt. In Californien spitzen sich die Probleme auch zu. Man diskutiert das im politischen Raum ganz gewiß, und zwar im Zusammenhang mit der Klimapolitik. Es sollen ja bestimmte Gebiete extrem heiß werden, wenn die Erderwärmung so weitergeht.

Du nennst viele Beispiele für den Konfliktbereich ausreichende Wasserversorgung. Aber bleiben wir lieber bei der Wasserleitung als solcher, um Beispiele anzuführen.

Vermutlich ist das deshalb in dem Aufsatz aus der Biedermeierzeit angeführt.

Das kann ich nicht beurteilen. Ralf sagt dazu einiges an Kritik. K.L.
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