Forschung in der Biedermeierzeit: die Geschichte der Wasserleitungen

Forschung in der Biedermeierzeit: die Geschichte
der Wasserleitungen
Wasser zu leiten, geht auf viele Arten und Weisen. Es
wird wohl davon abh=E4ngen, zu welchem Zwecke das
Wasser gelenkt wird. Geht es um Trinkwasser, das
durch Leitungen gelenkt wird, mu=DF man nach den Ideen
unterscheiden, also f=FCr wen das Trinkwasser bestimmt
ist. Es kann f=FCr den Genu=DF von Pflanzen, Tieren und
Menschen an den Ort des Konsums gebracht werden.
Die Anspr=FCche an die Qualit=E4t des Wassers k=F6nnen
sehr verschieden sein. Aber es geht bei Wasserleitun-
gen nicht immer um Trinkwasserleitung, sondern es
gibt auch Wasserleitungen, die dem Verkehr auf dem
Wasser dienen oder der Energiegewinnung, die aus
der Kraft des Wassers gezogen werden kann. Es
kann auch der K=FChlung, usw. dienen.
Wasser wurde und wird in offenen oder geschlossenen
Wasserleitungen transportiert. Es l=E4=DFt sich durch Lei-
tungen pumpen, oder es flie=DFt aufgrund der Wirkung der
Schwerkraft durch Leitungen abw=E4rts. Wasser l=E4=DFt sich
auch pressen, um den Druck, der dann in Wasserlei-
tungen vorhanden ist, auszunutzen. Auch die Kapillar-
wirkung l=E4=DFt sich wirksam machen. Wasserleitungen
k=F6nnen zu einem weit verzweigten Netz ausgebildet wer-
den. Das Thema Wasserleitung, so wird deutlich, ist
ein weites Feld.
Es d=FCrfte nicht verkehrt sein, den Begriff der Leitung ge-
nauer zu diskutieren.
Die aufsteigende Feuchtigkeit, die als Dunst zur Wolken-
bildung f=FChrt, die sich irgendwo abregnen, gelangt durch
den Regen oder den Tau auf die Erde zur=FCck. Ein Teil
davon wird durch Pflanzen im Boden festgehalten, ein
anderer Teil sickert in den Boden ein oder flie=DFt weitge-
hend als Oberfl=E4chenwasser ab. Es bilden sich dadurch
nat=FCrliche Wasserleitungen heraus, die unterirdisch oder
oberirdisch verlaufen. Das unterirdische Wasser quillt
an manchen Stellen aus der Erde aus und formt zusam-
men mit dem abflie=DFenden Oberfl=E4chenwasser Rinnsale,
danach B=E4che und Fl=FCsse. Es kommt dabei auch zur
Wasserspeicherung, die unterirdisch oder =FCber der Erd-
oberfl=E4che erfolgt. In Pflanzen steigt das lebenswichtige
Wasser durch Wasserleitungssysteme auf. In Tier und
Mensch zirkuliert das Wasser nach Wasseraufnahme
durch Essen und Trinken. Es wird auch wieder ausge-
schieden.
Die nat=FCrliche Wasserleitung haben die Menschen im
Verlaufe der Kulturentwicklung um eine k=FCnstliche Was-
serleitung erg=E4nzt. Sie hatten die Natur als Vorbild, und
sie diente zur Anregung f=FCr intelligente und gut erfundene
Wasserleitungen. Es entstand eine Wasserbaukunst,
welche zu kunstvollen Wasserleitungsbauten f=FChrte.
Wenn Mensch und Natur als Gegensatz in der Sprache
dastehen, lassen sich seine von ihm geschaffenen Was-
serleitungen als k=FCnstlich bezeichnen. Sieht sich der
Mensch als Teil der Natur, sind seine Wasserleitungs-
bauten nat=FCrliche Wasserleitungen.
Wollte man eine "Geschichte der Wasserleitungen" ver-
fassen, w=FCrde sich das Thema also sehr auff=E4chern,
aber zu einer Darstellung f=FChren, die sehr interessant
sein mu=DF. Solche Geschichtsschreibungen sind schon
versucht worden. Sie kranken an ihrer Einseitigkeit und
Unvollst=E4ndigkeit. Ein Beispiel dazu fand sich aus der
Biedermeierzeit. Der Titel des Aufsatzes lautet:
"Kurzer Abri=DF der Geschichte der Wasserleitungen,
mit Beif=FCgung der Abbildung einiger in Frankreich aus-
gef=FChrten Brunnen neuerer Zeit" (1)
Das Motiv des Autors, der ungenannt blieb, als der
Text im Jahre 1836 ver=F6ffentlicht wurde, l=E4=DFt sich rasch
aufsp=FCren. Es ist ihm bewu=DFt, da=DF Wasserleitungen
einen wichtigen Bestandteil der menschlichen Kulturent-
wicklung darstellen, folglich mu=DF auch eine geschicht-
liche Darstellung dieser Kulturleistung von Wert sein,
um den =DCberblick zu behalten, denn:
"Unter allen Bed=FCrfnissen des Lebens ist wohl keines,
welches zu allen Zeiten und an allen Orten so drin-
gend gef=FChlt wird, als das fortw=E4hrende Dasein der
zum physischen Leben unentbehrlichen Menge an fri-
schem, insbesondere trinkbarem Wasser." (2)
Diese Daseinsvorsorge der unentbehrlichen Wasser-
menge geschieht durch den Wasserleitungsbau:
"Es ist die=DF eine Hauptbedingung, welche bei der An-
lage menschlicher Wohnorte, besonders der St=E4dte,
jederzeit in Erw=E4gung gezogen wird, und wodurch die-
selbe sogar gr=F6=DFtentheils motiviert worden ist." (3)
Das eigentliche Motiv f=FCr seinen geschichtlichen Ab-
ri=DF ist es jedoch, seinen Aufs=E4tzen =FCber das Brun-
nenwesen einen Text vorzuschalten, in der die Ge-
schichte der Wasserleitungen dargestellt ist. Das
"Brunnenwesen" scheint ihm kulturell sehr hoch zu
stehen:
"Die zum =F6ffentlichen Gebrauche erbauten allgemei-
nen Brunnen sind Gegenst=E4nde, welche einer archi-
tektonischen Ausbildung nie ermangeln sollten, in-
dem sie, wie jedes =F6ffentliche Bauwerk, den Ge-
schmack und den Sinn f=FCr Veredlung des =F6ffentlichen
Lebens nicht nur ihrer Baumeister, sondern auch de-
rer, die den Bau angeregt haben, vor Augen stellt."
(4)
Das Brunnenwesen mache eine eigene Wissen-
schaft aus und f=FChre zu kunstvollen Bauanlagen, die
ein bemerkenswertes Licht auf die gestalterischen
F=E4higkeiten des Menschen werfen w=FCrden. Da es sich
lohne, diese Baukunst in Aufs=E4tzen zu behandeln,
m=FCsse zuvor das Wasserleitungswesen abgehandelt
werden:
"Diesen Abhandlungen soll /../ ein kurzer Abri=DF der
Geschichte der Wasserleitungen vorausgehen" (5)
Es wurde also deutlich, was bei dem Autor zu dem
Versuch f=FChrte, einen "Abri=DF der Geschichte der
Wasserleitungen" zu wagen. Nun mu=DF es darum
gehen, herauszuarbeiten, auf welche Beispiele er
seinen Abri=DF eingegrenzt hat und in welcher ge-
schichtlichen Verkn=FCpfung er seine Beispiele ge-
braucht, da ja nur so der Wert seiner Arbeit ausge-
lotet werden kann. Er beginnt mit einem Rundum-
schlag:
"Schon im fr=FChesten Alterthume setzten Herrscher
und Nazionen ihren gr=F6=DFten Ruhm darein, dieses
unentbehrliche Lebenselement den Hauptst=E4dten
und wichtigeren Ortschaften ihrer L=E4nder in reichli-
cherem Ma=DFe zu verschaffen, wenn auch dieses
bei den damaligen Kenntnissen nur durch h=F6chst
m=FChselige und kostspielige Bauten m=F6glich gemacht
werden konnte." (6)
Der Satz suggeriert eine breite Kenntnis des Autors
von Wasserleitungsbauten =FCberall auf der Welt.
Anderseits bespricht er "m=FChselige und kostspielige
Bauten", was eine Reduktion darstellen mu=DF, denn
man darf sich sicher sein, da=DF es sehr einfache
und viele kosteng=FCnstige Wasserleitungsanlagen
gegeben hat. Die scheinen ihm aber wenig Wert
gehabt zu haben, denn er breitet danach ein Wis-
sen aus, das zu "Aquadukten" geht, die ihm offen-
sichtlich "h=F6chst m=FChselige und kostspielige Bau-
ten" sind:
"Von keiner Geb=E4udegattung des Alterthums hat
man demnach so viele und gro=DFartige Reste aufzu-
weisen, als von solchen Aquadukten." (7)
Ein "Aquadukt" ist aber eigentlich vom Wort her nur
eine Wasserleitung. Das Wort sagt nichts dar=FCber
aus, ob seine Herstellung kostenlos, kosteng=FCnstig
oder kostspielig war. Was er damit meint, ist aber
dies:
"Die =E4lteste der Wasserleitungen, deren die r=F6mische
Geschichte gedenkt, ist die sogenannte Aqua Appia,
erbaut von Appius Claudius /.../; dieser folgte die so-
genannte alte Leitung des Anio, die Aqua Marcia,
Aqua Tepula, Aqua Julia, und endlich die Aqua Vir-
gio. /.
../." (8)
Die Geschichte der Wasserleitungen ist also redu-
ziert auf wenige Beispiele. Er f=FChrt Aqu=E4dukte der
R=F6merzeit an, die anderen sind ihm der Darstellung
nicht wert, die parallel dazu oder davor weltweit
existierten. Er lobt die kunstvollen Bauten der R=F6mer
und will Staunen machen ob der L=E4nge der Wasser-
leitungen:
"Die totale L=E4nge dieser neun Wasserleitungen be-
trug nach Frontin an 57 deutsche Meilen; drei Vier-
tel dieser L=E4nge bestanden aus unterirdischen Ka-
n=E4len, das =FCbrige aber aus Arkaden, welche manch-
mal eine H=F6he von 17 Wiener Klaftern erreichten."
(9)
Auch w=FCrdigt er die ungeheure Wassermenge, die
in den Leitungen zu den Verbrauchern flo=DF, dann
aber kritisiert er die R=F6mer, die solche Wasserbau-
ten schufen:
"So prachtvoll und so gro=DFartig aber auch diese an-
tiken Konstrukzionen sein mochten, so zeigt doch
eben die Kostspieligkeit und M=FChseligkeit ihrer Er-
richtung von gro=DFer Unvollkommenheit der hydrau-
lischen Kenntnisse zu diesen Zeiten, und man hielt
es durchaus f=FCr nothwendig, das Wasser vom er-
sten Ursprunge der Leitung an mit einer Neigung
best=E4ndig abw=E4rts zu f=FChren. Erst sp=E4teren Zeit
war es vorbehalten, die Gesetze des Gleichgewichts
und der Bewegung der Fl=FCssigkeiten besser zu
ergr=FCnden, bis denn die Gelehrten neuerer Zeiten,
wie Galilei, welcher die Schwere der Luft entdeckte;
Torricelli, der, auf diese Erfindung gest=FCtzt, die
Lehre von den Pumpen und vom Barometer begr=FCn-
dete; Stevin, der das Gesetz des hydrostatischen
Gleichgewichts ersann; Pascal, der diese Grund-
s=E4tze auf die Bewegung der Fl=FCssigkeiten =FCbertrug;
Mariotte, der die Zusammenziehung des Strahls
beim Ausflu=DF aus Oeffnungen entdeckte, diese
Gesetze immer mehr vervollkommneten. Auch bis
auf unsere Zeit hat man sich mit diesem Gegen-
stande besch=E4ftigt; wir nennen nur Dubuat, Cou-
lomb, Girard, und in neuesten Zeiten Prony."
(10)
Dieser Textabschnitt wurde deshalb exzerpiert, um
deutlich zu machen, welche Hinweise der Autor
streut, um seinem kurzen "Abri=DF der Geschichte
der Wasserleitungen" mehr Inhalt zu geben. Er
trug einiges zusammen, um ein Assoziationsfeld
zu schaffen. Es sind Beispiele, die einige Hinwei-
se geben, welche aber viel zu wenig aussagen
wollen. Sie verweisen undeutlich auf eine wissen-
schaftliche Forschungsentwicklung, die den Was-
serleitungsbau voranbrachte. Global gesehen,
sind es nur sehr einseitig ausgesuchte Beispiele.
Sie wurden rasch abgehandelt und danach durch
Beispiele kunstvoller Einrichtungen erg=E4nzt, die
denen aus der Antike folgen. Im franz=F6sischen Mit-
telalter schuf man ausgedehnte Wasserleitungen
zur Zeit der Herrschaft von Philipp August, um Paris
mit Wasser zu versorgen. Das geschah seit 1180
bis 1223. Unter Heinrich IV. schuf man eine "erste
hydraulische Maschine", um Wasser aus der Seine
in eine Wasserleitung zu heben. Im Jahre 1670, so
der Autor, habe man "das Pumpwerk von Notre-
Dame" gebaut. Versailles sei unter Ludwig XIV. mit
Wasserbaukunst hohen Niveaus ausgestattet wor-
den. Ein Literaturhinweis wird dazu genannt, eines
Werkes, das in Paris 1829 erschien. Es ist anzu-
nehmen, da=DF diesem Werke wesentliche Ge-
schichtskenntnisse des Wasserbaus entsprangen,
die der Autor anf=FChrt. Neben franz=F6sischen Bei-
spielen werden excellente Wasserbauten der Neu-
zeit in Italien angef=FChrt. Sie d=FCrften weitgehend
zeitgleich mit den franz=F6sischen Beispielen ausge-
f=FChrt worden sein. Auch deutsche und =F6sterreichi-
sche Wasserbauk=FCnste sind angef=FChrt, die wohl
alle "Gerstner's Mechanik" entnommen sind, die
der Autor nennt. Man gelangt zusammen mit diesen
Beispielen in eine Zeit, als bereits Dampfmaschinen
zur Hebung und zur Verteilung des Wassers in
Wasserleitungen eingesetzt wurden. Das wird ex-
plizit durch diesen Textabschnitt deutlich:
"In London, Glasgow, Edimburgh, Philadelphia be-
stehen ganze Systeme von Wasserleitungen, welche
sich alle der Dampfmaschinen, die das Heben des
Wassers mit gro=DFer Sicherheit, Leichtigkeit und
ohne viele Kosten verrichten, bedienen." (11)
Zu Beginn des 19.Jahrhunderts entfaltete sich also
eine moderne Wasserbautechnik mit einem Was-
serleitungswesen, bei dem der Einsatz der Dampf-
maschinen einen wichtigen Stellenwert einnahm.
Die Wirkung der Dampfkraft erzwang zugleich Was-
serleitungen ganz anderer Haltbarkeit, wenn Was-
ser durch Rohre geleitet wurde. Dazu wird jedoch
so gut wie nichts in dem "Abri=DF der Geschichte der
Wasserleitungen" ausgef=FChrt. Man kann es nur er-
ahnen, da=DF es stattgefunden haben mu=DF.
Der Abri=DF ist also h=F6chst unvollst=E4ndig und ver-
liert sich in Andeutungen. Umso wichtiger wird es
sein, das Thema zu verfolgen, um zu einer breit
ausgebauten Geschichte der Wasserleitungen zu
gelangen. Man darf annehmen, da=DF es dazu nicht
an Abhandlungen mangelt. Es wird also notwendig
sein, den Wert dieser Abhandlungen zu untersu-
chen, den sie f=FCr eine Darstellung der globalen Ent-
wicklung des Wasserleitungsbaus haben. Dieser
kleine Text aus der Biedermeierzeit kann demnach
f=FCr einen Einstieg in das Thema als sehr n=FCtzlich
angesehen werden. Denn er deutet Forschungsfel-
der an, in denen weitergesucht werden kann. Man
kann sich sicher sein, durch ihre Auswertung auf
viele weitere Forschungsfelder zu sto=DFen, welche
weiteres Material bieten, um eine Geschichte der
Wasserleitungen erg=E4nzen und ausbauen zu
k=F6nnen.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
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Diskussion gestellt. Der Autor ist =FCber folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen:
(1) o.A.: Kurzer Abri=DF der Geschichte der Wasserlei-
tungen, mit Beif=FCgung der Abbildung einiger in Frank-
reich ausgef=FChrten Brunnen neuerer Zeit. S.435-438
in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836
(2)-(7) zitiert aus: o.A., wie vor, S.435
(8) zitiert aus: o.A., wie vor, S.435f.
(9)-(10) zitiert aus: o.A., wie vor, S.436
(11) zitiert aus: o.A., wie vor, S.437
Reply to
Karl-Ludwig Diehl
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"Karl-Ludwig Diehl" schrieb im Newsbeitrag news: snipped-for-privacy@2g2000hsn.googlegroups.com...
Ein wichtiger Schlüssel darin dürfte auch die Erfindung des Stoßhebers sein.
Gruß,
Ralf
Reply to
Ralf Ballis
snipped-for-privacy@2g2000hsn.googlegroups.com...
Interessant zu wissen, da=DF diese Erfindung in dem Beitrag von 1836 ausgelassen wurde, denn dazu las ich eben:
"Die erste selbstt=E4tige Widderpumpe wurde 1796 von dem Franzosen Joseph Michel Montgolfier erfunden. Das erste amerikanische Patent wurde 1809 an J. Cerneau und S.S. Hallet erteilt." aus:
formatting link
Beide Erfindungen lagen deutlich nahe an dem Jahr 1836. Andererseits: es war ein Abri=DF ver- sucht worden. Mehr dazu ist aufzusp=FCren.
Danke f=FCr den Hinweis. K.L.
Reply to
Karl-Ludwig Diehl
Zu der Zeit gab es auch noch nicht die Begriffsbestimmungen z.B. nach DIN 4049-3;-)
Sicherlich etwas simplifizierend dargestellt. Dieser Kreislauf kann in die unterschiedlichsten Stoffkreisläufe aufgeteilt werden und zählt zu den komplexesten Kreisläufen überhaupt, die zudem auch nur partiell wohl verstanden sind.
Gerade weil jede Kultur, jedes Land und fast jede Stadt eine eigene Geschichte der Wasserversorgung hat, kann eine solche Untersuchung nur einen großen Bogen anhand von Einzelbeispielen spannen. Der Wasserleitungsbau der Mayas und Inkas war wohl nicht weniger eindrucksvoll als der der Römer.
Nun ja, die öffentlichen Brunnen waren sozusagen der krönende Abschluss von zum Teil erheblichen Bemühungen, Wasser heranzuschaffen. So gesehen sind Prunkbauten geradezu ein Muss für jeden Herrscher gewesen. Und es ist nicht gerade witzig, dass gerade in der heutiger Zeit, das Thema Wasserzuleitung/Wasserversorgung wieder an enormer Brisanz und auch politischer Sprengkraft gewinnt. Es wird nicht lange dauern, dann werden sich z.B. in Spanien Politiker damit brüsten, die ärgsten Wassernotstände gemildert zu haben, wenn es ihnen denn überhaupt gelingt, solche Vorhaben durchzusetzen, ohne dass in anderen Gegenden das Wasser abgegraben wird. In Italien wachsen ähnliche Problem, dito in Griechenland, Die Türkei hat im wahrsten Sinne vorgebaut und gräbt durch Staudammprojekte seinen Nachbarn buchstäblich das Wasser ab. Die Wasserknappheit in Palästina, in denen fast ausschließlich Israel Rechte zum Brunnenbau vergibt, birgt genügend Sprengstoff und ausreichende Basis für Konflikte. BTW der Mauerbau zu Jerusalem erfolgte nicht rein zufällig entlang der wasserreichsten Brunnen. Mexiko City, früher eine Wasserstadt, saugt mit seinem Wasserbedarf das Umland leer, mit zum Teil katastrophalen ökologischen Folgen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen, wenn wir mal außerhalb unseres Wasserreichtums in Deutschland und Österreich blicken.
Die Wasseradern zu den großen Metropolen waren tatsächlich sehr kostspielig und mühselig. Allein der Wasserversorgung von Paris ist ein abenteuerliches Thema.
Er bezieht sich imho auf die römischen Aquaedukte und die waren tatsächlich grundsätzlich kostspielig. Tatsächlich waren dort die besten Baumeister ihrer Zeit zugange gewesen. Der Bau lag in den Händen der höchsten Verwaltungen und Militärs.
Hier liegt der Autor eindeutig falsch, denn schon die Römer beherrschten das Prinzip der Doppelkolbendruckpumpen, die jedoch durch Menschen- oder Tierkraft betrieben wurden. Ich empfehle die CD mit Animation "Vindobonda II - Wassertechnik des antiken Wiens" vom Wiener Museum. Wenn es dich interessiert, kann ich sie dir auch leihweise zur Verfügung stellen.
Er sieht die Leistung der Altvorderen mit der Augen seiner Zeit, in welcher die Industrialisierung furios durch technische Errungenschaften beflügelt wurde und unterschätzt hierbei die Leistungen der Antike.
Aus meiner Sicht, sind die römischen Aquaedukte nicht nur in der Frage der Energieeffizienz unseren Wasserleitungen haushoch überlegen, eben weil sie ohne Druckpumpen ausgekommen sind und die Rohrleitungssysteme weitestgehend drucklos gefahren wurden (es gab jedoch sehr wohl Dükerleitungen), sondern auch im Hinblick auf Haltbarkeit und Wartungsintensität. In solch großzügig dimensionierten Leitungsquerschnitten konnte dann das Wasser ausgasen bzw. überschüssigen Kalk absondern. Das Wasser, welches dann durch Verteilsysteme an den Endverbraucher gelangte, war dadurch im Kalk-Kohlensäuregleichgewicht. Um dieses zu erreichen, muss das Wasser heute recht umständlich über Kalkmilchzugabe oder Filtration über entsprechende Granulate eingestellt werden. Das Gleichgewicht ist heutzutage u.a. wichtig zum Schutz der Rohrleitungen vor Korrosion. Und auch für die Römer war es wichtig, dass kein aggressives Wasser durch die Bleileitungen in den Verteilersträngen kommt. Ihnen war die sehr wohl bewusst, dass Bleiverrohrungen gesundheitliche Schäden hervorrufen können.
Diese Verteilsysteme aus Blei besaßen standardisierte Leitungsquerschnitte in 25 Größen mit eiförmigem Rohrdurchmesser. Davon kamen hauptsächlich 15 Rohrdimensionen zum Einsatz. Der Querschnitt der Verteilerleitungen reichte von einem Durchsatz von ca. 40 cbm/Tag bis rund 4000 cbm/Tag.
Das Aquaedukt nach Wien konnte am Tag 4,3 Mio cbm Wasser ins römische Kastell und ins Umland transportieren. Das sind Wassermengen, die auch für heutige Zeiten nicht ganz ohne sind.
X-Post über de.sci.architektur und de.sci.ing.misc
Reply to
Harald Maedl
X-No-Archive: Yes
begin quoting, Harald Maedl schrieb:
Bist Du Dir dessen so sicher (Belege?)? Kolbenpumpen sind nicht so besonders effizient - ich hätte unter den damaligen Bedingungen stets Archimedische Schrauben zum Wasserheben verwendet. (Aus dem gleichen Grund zweifle ich übrigens die Bedeutung des Hydraulischen Widders für die Öffentliche Wasserversorgung ganz schwer an - die Dinger sind eigentlich nur zur Feldbewässerung sinnvoll, wenn Wasser in flachen Gerinnen praktisch im Überfluß zur Verfügung steht, um es auf dem Feld zu verteilen. Dieses Wasser ist aber als Trinkwasser regelmäßig ungeeignet.)
Ohne es zu kennen: Ohne Quellenangaben ist das relativ wertlos.
Metall, zum Bau druckfester dauerbeständiger Leitungen unabdingbar, war bis in die Neuzeit so außerordentlich teuer, daß es vorstellbar ist, daß es tatsächlich günstiger war, ein steinernes Aquädukt zu errichten als eine "Pipeline" größeren Querschnitts zu verlegen. Aber technische Vorteile sehe ich eher nicht.
(Ein neueres, ebenfalls höchst imposantes hydraulisches Projekt: Der Bau der Odertalsperre mit dem Rehberger Graben im Harz als Energiequelle für die Bergbaubetriebe in Sankt Andreasberg - Hämmer, Bewetterung, Essen, Fahrkünste. Der Graben wurde geschickt der Topologie der Landschaft angepaßt und mit Steinplatten ausgekleidet und abgedeckt und ist immer noch in gutem Zustand wie auch die Staumauer selbst. Man muß sich klarmachen, daß die ökonomische Grundlage dieser Investition die außerordentlich wertvolle Erz- bzw. Metallausbeute des Bergbaus war, und das, obwohl die Förderleistung eines (damals übrigens vergleichsweise extrem gut bezahlten - die Betrachtung des Lebensstandards täuscht da sehr) Bergarbeiters im Vergleich zu heute extrem niedrig war (max. wenige Tonnen Gesteinsaushau pro Jahr, ein Volumen von unter einem Kubikmeter - nochmal: *Jahres*förderleistung; da kamen dann im Endeffekt nur wenige Kilogramm Metall bei heraus), und zu jedem "Hauer" gehörten dann noch ungefähr fünf Mann Produktionshelfer (Holzhauer - ein metallurgischer Betrieb verschlingt gigantische Holzmengen, Schmiede - ein Hauer verbrauchte täglich mehrere Metallmeißel, die dann neu geschmiedet werden mußten, Schlepper - das lose Gestein mußte mühselig aus dem Grubengebäude heraustransportiert werden, Zimmerleute und andere Gewerke sowie natürlich die üblichen "Zulieferer" - der Knappe mußte schließlich auch ernährt werden und hatte diverse Bedürfnisse). Metall war tatsächlich so extrem teuer: Das gesamte Mittelalter über entsprach ein "Pfennig" von ca. 2-3 g Silber (ein fingernagelgroßes Blechstückchen) dem Wert eines ganzen Schafs (heutiger Silberpreis ca. 350-400 EUR/kg), die anderen Metalle waren auch enstsprechend teuer.)
Das wäre nicht wesentlich anders gewesen, wenn einige Abschnitte von einigen hundert Metern Länge der insgesamt oft mehrere zehn Kilometer langen "Wasserleitungen" ( Gesamtlänge über hundert Kilometer) als Druckrohre ausgeführt worden wären.
Kannst Du das belegen? Aufgrund der nachgewiesenen Bleivergiftungen scheint ihnen das gerade nicht bewußt gewesen zu sein.
Eifelwasserleitung: 20.000 m^3/d - das sind über 200 l pro Sekunde!
Bei einem Strömungsquerschnitt von einem Quadratmeter wäre das eine Strömungsgeschwindigkeit von 50 m/s - hast Du da vielleicht Liter und Kubikmeter verwechselt?
Gruß aus Bremen Ralf
Reply to
Ralf Kusmierz
Ja, da bin ich sicher, z.B.
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wurden afair insgesamt acht solcher Brunnenpumpanlagen gefunden. Kolben, Zylinder, Steigleitungen wurden aus Eichenholz herausgearbeitet, die mittels Blei und Leder abgedichtet wurden. Als Rückschlagventile für Druck- und Saugseite wurden beschwerte Lederlappen verwendet. Die durchschnittliche Förderhöhe betrug afair um die 20 mtr. Die Förderleistung betrug rund 100ltr/per 40 Doppelhübe. Windkessel waren ebenso bekannt. Ebenso gibt es Belege über das Feuerlöschwesen, wo ebenso solche Kolbenpumpen zum Einsatz gekommen sein sollen.
Die Bauwerke haben, wenn sie nicht bewusst zerstört worden sind, mehrere hundert Jahre gehalten. Und wenn ich mir das zum Teil marode Leitungssystem in Deutschland ansehe, dann möchte ich Zweifel anmelden. Von den Abwasserleitungen möchte ich erst gar nicht anfangen zu reden. Letztlich liegt in dem Unterhalt der Grund, warum Kommunen immer mehr zu privatisieren versuchen.
Interessante Infos, die ich mir mal näher anschauen werde.
Nun ja, sie haben halt den Effekt bekommen, ob sie ihn nun haben wollten oder nicht.
Vitruv: "De Architectura, VI 10-11)("Zehn Bücher über Architektur") "Leitungen aus Tonröhren haben folgende Vorteile: Erstens, wenn irgendein Schaden an der Leitung eintritt, kann jeder ihn ausbessern. Auch ist Wasser aus Tonröhren gesünder als das durch Bleiröhren geleitete, denn das Blei scheint deshalb gesundheitsgefährlich zu sein, weil aus ihm Bleiweiß entsteht. Dies aber soll dem menschlichen Körper schädlich sein. Wenn nun das, was aus ihm entsteht, schädlich ist, kann es auch selbst zweifellos der Gesundheit nicht zuträglich sein... Daher scheint es ganz und gar nicht gut, daß man Wasser durch Bleiröhren leitet, wenn wir der Gesundheit zuträgliches Wasser haben wollen. Und daß der Geschmack des Wassers aus Tonröhren besser ist, kann schon die alltägliche Lebensgewohnheit zeigen, weil alle, auch wenn sie mit Silbergeschirr reich gedeckte Tische haben, dennoch Tongeschirr verwenden, weil bei seihnem Gebrauch der Geschmack nicht beeinträchtigt wird."
Moment, ich sprach von Verteilerleitung zum Endverbraucher und nicht von Fernleitungen
^^^^^ Muss heißen: 4,3 Mio ltr
X-Post über de.sci.architektur und de.sci.ing.misc
Reply to
Harald Maedl
Als Exzerpt f=FCr eine Diskussion darf sie zitiert werden, wenn die genaue Stelle im Buch angegeben wird.
Das wird wohl so sein. Andererseits hilft es nat=FCrlich weiter, wenn bei solchen Aussagen immer auf die Literatur verweisen wird, die dazu anfangs den Denkinhalt beisteuerte, also von wo aus weitergedacht wurde. Es sei denn, Du rekurrierst ganz auf Dein eigens Denken, was ja nur zu loben ist.
Ich denke, dieses Netz aus nat=FCrlichen und k=FCnstlichen Wasserleitungen darf man ruhig genauer ausf=FChren, auch schon deswegen, um immer neue Beispiele sammeln zu k=F6nnen und um in der Definitinssache, also was alles als Leitung verstanden werden kann, weiter- zukommen. Speicherung als Eis und die Aus- sch=F6pfung alle Aggregatszust=E4nde, sowie die Beimischung mit anderen Substanzen und die sp=E4teren Trennungs- oder Verd=FCnnungsvorg=E4nge d=FCrften in dem Kreislaufsystem sicher inter- essante Formen annehmen. Bleibt man zun=E4chst bei den ganzen einfachen k=FCnstlichen Leitungen, ist das nat=FCrlich schon komplex genug.
Da=DF immer nur auf Beispiele verweisen werden kann, ist wohl das Schicksal der Belegkultur bei einer Geschichtsschreibung des Wasserleitungs- baus. Andererseits gibt es daneben die Sammlung, in die alles, verwertbar gehalten, eingehen kann. Da kann dann alles rein.
Der Witz ist, da=DF nat=FCrlich jede Ansiedlung und jedes Dorf oder jede Stadt auch bei Selbstverwaltung, also einer demokratischen Herrschaft, zu interessanten Wasserbauten gelangen kann. Der "Herrscher" sagt als Wort auch Patriarchat oder Matriarchat, o.=E4. Die Sache gewinnt dadurch an mehr Gehalt.
Ich denke, dieser Vorgang findet schon seit einiger Zeit statt. In Californien spitzen sich die Probleme auch zu. Man diskutiert das im politischen Raum ganz gewi=DF, und zwar im Zusammenhang mit der Klimapolitik. Es sollen ja bestimmte Gebiete extrem hei=DF werden, wenn die Erderw=E4rmung so weitergeht.
Du nennst viele Beispiele f=FCr den Konfliktbereich ausreichende Wasserversorgung. Aber bleiben wir lieber bei der Wasserleitung als solcher, um Beispiele anzuf=FChren.
Vermutlich ist das deshalb in dem Aufsatz aus der Biedermeierzeit angef=FChrt.
Das kann ich nicht beurteilen. Ralf sagt dazu einiges an Kritik. K.L.
Reply to
Karl-Ludwig Diehl
Hm. Ist das belegbar? Einen Steinbruch zu betreiben, darin Steine zu gewinnen, die f=FCr den Aqu=E4duktbau zu gebrauchen waren, war vielleicht alles andere als g=FCnstig im Vergleich zur Metallgewinnung und -bearbeitung. Man m=FC=DFte nur wissen, ab wann. Im 18.Jahrhundert d=FCrfte vielleicht schon das Metall leichter und in gr=F6=DFeren Mengen zu gewinnen gewesen sein.
Aber wie im Vergleich sehen k=F6nnen? Mir fehlen derzeit solche Vergleichsm=F6glichkeiten. Literatur dazu w=E4re auszuwerten. K.L.
Reply to
Karl-Ludwig Diehl
X-No-Archive: Yes
begin quoting, Karl-Ludwig Diehl schrieb:
Die Produktivität läßt sich belegen.
Ich würde die Produktionsleistung eines Steinbrucharbeiters auf ca. 10-50 t im Jahr schätzen (woran sich dann natürlich noch Steinmetzarbeit und Transport anschlossen). Der Bergmann baute dagegen in dieser Zeit nur wenige Tonnen Gestein ab, aus denen maximal einige zehn Kilogramm Metall gewonnen werden konnten. Beim Steinbrechen hat es mit dem Behauen und Transport auch sein Bewenden - dem Erzabbau schließen sich aber noch relativ energieaufwendige (Brennholz bzw. Holzkohle) metallurgische Schritte an, zudem ist der Bergbau selbst extrem energieaufwendig (Schmiedefeuer, Lampenöl - das Bergwerk benötigt unvermeidlich künstliche Beleuchtung).
10 t behauene Steine am Bauplatz für den Bau im Tausch gegen ein Kilogramm Kupfer oder Blei könnte ein faires Geschäft gewesen sein. Zur Bewertung: Römische Legionäre waren bestimmt ganz anständig bezahlt und gegenüber der Landbevölkerung ziemlich "reich" - die Soldhöhe ist bekannt, der Wert der Münzen entsprach im wesentlichen dem Metallwert. Vermutlich war ein Kilogramm Kupfer in etwa ein Jahressold und dürfte nach heutigen Wertvorstellungen dann bei 50-100 TEuro anzusiedeln sein (was kriegt ein Bundeswehrsoldat im Kampfeinsatz im Ausland?).
Ab der Zeit verfiel der Metallpreis, der jahrtausendelang konstant hoch war, dann auch rapide. Und der Grund war natürlich die industrielle Produktion, vor allem nach der Erfindung der Dampfmaschine.
Dazu dürfte es reichlich Material geben. Lies doch mal de re metallica.
Gruß aus Bremen Ralf
Reply to
Ralf Kusmierz
Vermutlich. Im Vergleich sind mir zwar schon Angaben in der Literatur begegnet, aber ich kann die Werte den Epochen nicht mehr zuordnen.
Das klingt anschaulich.
Sicher. Nur mu=DF das tonnenschwere Zeug auch noch zur Baustelle. Aber egal. Die Rechnungen, die Du aufmachst werden sich wohl belegen lassen. Andererseits sind Aqu=E4dukte auch imposante Wasserbauten, mit denen Politiker damals viel mehr her- machen konnten, wenn sie sich ein Denkmal setzten, als durch eine Wasserleitung, die aus Metallr=F6hren besteht und unterirdisch verl=E4uft.
Zur Ver=E4nderung der Werte:
Ja. Wasserhebung war im Bergbau endlich besser m=F6glich, usw.
Wenn ich Zeit finde, sicherlich. Ich bin ausgelastet. K.L.
Reply to
Karl-Ludwig Diehl
Die Eichenröhren müssen mal recht verbreitet gewesen sein, schätze ich, denn sie sind recht haltbar. In Wittenberg (Lutherstadt Wittenberg) war ich mal Ende der 90er, damals gruben sie in der Nähe des Cranachhauses gerade an den Wasserleitungen herum, und man konnte die Eichenröhren sehen. Die waren wohl schon jahrhundertealt, versorgten aber immer noch 1, 2 Häuser. Keine Ahnung, ob sie sie jetzt rausgerissen haben.
Reply to
Helga Schulz
X-No-Archive: Yes
begin quoting, Harald Maedl schrieb:
Das ist überzeugend.
Gruß aus Bremen Ralf
Reply to
Ralf Kusmierz

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